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Über dem kleinsten Schaufenster der Straße standen die Worte „Alles für den Bücherfreund“. Sie wurden fast völlig verdeckt von einer schmutzigen, gelben, zerschlissenen Plastikmarkise, deren verrostetes Gestänge darauf hindeutete, dass sie weder bei Regen noch bei Schnee noch aus irgendeinem anderen Grund eingezogen wurde. Unter diesem unzuverlässigen Schutzdach standen dicht aneinandergedrängt verschiedene Buchständer mit gebrauchten Taschenbüchern. Zumeist waren es uralte Kriminalromane oder Bücher mit romantisch-aufregenden Titeln, außerdem einige Kisten mit Liebes-, Heimat- und Gruselromanheftchen. In der Glasvitrine neben der Eingangstür waren Romantitelblätter ausgestellt, die schon so vergilbt und gewellt waren, dass sie mehr als einen Sommer und Winter lang Hitze und Feuchtigkeit ertragen haben mussten. Im Schaufenster stapelten si ch unzählige Bücher aus den verschiedensten Fachbereichen: Geschichtsbücher, Kriegsbücher, Filmbücher, erotische Literatur, Waffenhandbücher, Kunstbücher, Weltliteratur, Science-Fiction, Wissenschaft und so weiter. Alles war übereinandergeschichtet, und der kunstvolle Stapel sah bedenklich unstabil aus. An die Eingangstür war ein selbstgemaltes Schild geklebt:Kein Eintritt für Jugendliche unter 18 Jahren.
Der Buchladen befand sich in einer breiten, zweispurigen Einbahnstraße des Hamburger Bahnhofsviertels St. Georg, die direkt auf den Hauptbahnhof zuführte. Es war der einzige Buchladen in dieser Gegend, eingezwängt zwischen Spielhallen, Peep-Shows, Sex-Shops, Kinos, italienischen Lokalen und türkischen Imbissläden. In den Hauseingängen, jeder mit den Hinweisen auf mehrere Pensionen und Hotels, standen vereinzelt ältere, bürgerlich gekleidete Prostituierte und warteten unauffällig auf ihre Kunden. Eine von ihnen rollte ihrem Hund, einem Pudel, einen bunten Kinderball zu, mit dem er begeistert spielte. Ab und zu sprach sie kurz mit einem der älteren Herren, die scheinbar ziellos die Straße entlangspazierten. Andere Männer schlenderten in Gruppen vorbei: türkische Geschäftsleute, heftig debattierend.
Es war ein kalter, feuchter Oktoberabend. Jerzy Pakula, der Besitzer des kleinen Buchladens, stand an der Tür und blickte in den dunklen Abendhimmel, ihn fröstelte. Er wünschte sich den Feierabend herbei. Für heute hatte er genug von seinen ewig gleichen Kunden, die ihre gierigen Nasen stundenlang in die Pornoheftchen steckten, die wegen Platzmangels in allen denkbaren Ecken und Nischen des Ladens gestapelt wa