Auch eine Form von Literaturkritik. Ein Dossier
Brief der Westfalia Lünen an den Paulus Verlag, 14.6.1963
Betr.: »Echo der Zeit«, 19.5.1963, Seite 6
Auszugsweiser Vorabdruck des Romans »Irrlicht und Feuer«
Sehr geehrte Herren,
mit großem Interesse haben wir in Ihrer Zeitschrift vom 19.5.1963 den auszugsweisen Vorabdruck eines Romans mit dem Titel »Irrlicht und Feuer« gelesen, der nach Ihrer Ankündigung im Herbst des Jahres in Ihrem Verlag erscheinen soll. Bitte erlauben Sie uns als einer Firma, die das Recht für sich in Anspruch nimmt, durch die Entwicklung des – in dem betreffenden Auszug beschriebenen – Hobels die Arbeit des Bergmanns entscheidend erleichtert zu haben, einige Bemerkungen. Das Ziel unseres Unternehmens ist, die manuelle Arbeit des Bergmanns durch die Entwicklung und den Einsatz von Maschinen zu ersetzen. Als Ziel steht uns der mannlose Streb vor Augen, in dem also die Kohle maschinell hereingewonnen, verladen und abgefordert sowie der Ausbau automatisch entsprechend dem Abbauschritt vorgezogen wird. Als wichtigstes Stück dieser Mechanisierung tritt der von uns entwickelte Kohlenhobel anstelle der Handarbeit des Hauers vor Ort, der früher mit dem Presslufthammer die Kohle zu lösen und auf ein Fördermittel zu laden hatte. Diese Handarbeit, wohl mit die schwerste und gefährlichste Arbeit im gesamten Untertagebetrieb, ist durch den Einsatz des Kohlenhobels im Wesentlichen überflüssig geworden. Dieser außergewöhnliche technische Fortschritt hat entscheidend zu einer Humanisierung der Untertagearbeit beigetragen.
Der Autor des genannten Romans kennt offensichtlich diese Entwicklung nicht, jedenfalls lassen eine Reihe detaillierter Bemerkungen an seinem Sachverstand zweifeln. So kostet zum Beispiel die Hobelanlage komplett mit allem Zubehör nicht 1,5 Millionen DM, sondern nur einen sehr kleinen Bruchteil davon; die Einbaukosten werden von dem Autor in ähnlich globaler Form geschätzt; sie werden – im Gegensatz zur Darstellung – niemals von der Lieferfirma getragen. Die Bemerkung: »Ich hastete den Streb hoch, die Ketten, die den Hobel lenkten, in meinen Händen. Immer wieder musste ich die Ketten herumreißen, damit ein ordnungsgemäßer Ablauf gewährleistet war« zeigt, dass der Autor offensichtlich nie an einem Hobel gearbeitet hat. Es ist völlig unmöglich, während der Arbeit des Hobels die Hobelkette in den Händen zu halten oder die Kette herumzureißen. Der Hobel wird mit ca. 15 t Zugkraft an der Kette gezogen. Jedes Einwirken von Hand auf die Kette ist unmöglich, zudem würde der Hobelbegleiter von der gelösten und auf den Förderer fallenden Kohle verletzt.
Es steht Ihnen natürlich im Rahmen der freien Meinungsäußerung frei, diese ganz offensichtlich laienhaften Darstellungen des Autors unverändert zu übernehmen, obwohl wir Ihnen wünschen möchten, dass Ihr guter Ruf als Verlag nicht durch eine solche Veröffentlichung leidet.
Bezüglich einer Behauptung in dem auszugsweisen Vorabdruck erheben wir jedoch Einwände. Es wird ausgeführt, dass bei einer Laufzeit des Hobels von vier Wochen 23 Verletzte zu registrieren seien, davon 7 so schwer, dass sie für ihr ganzes Leben verstümmelt bleiben. Anschließend wird ein weiterer schwerer Unfall und ein Unfall mit Todesfolge beschrieben. In gut vier Wochen wären das also in einem Hobelstreb (bei ca. 30 bis 40 Mann Belegschaft!) 24 Verletzte, davon acht mit bleibenden Verstümmelungen und ein tödlicher Unfall. Wir brauchen wohl nicht darauf hinzuweisen, dass die Bergbehörde, der jeder Unfall gemeldet wird, nicht wartet, bis eine derartige Häufung von Unfällen sich ereignet hat, sondern bereits sich nach dem er