Kapitel 2
Sport ist Mord
An Schlaf war jedoch nicht mehr zu denken. Die nächtliche Begegnung mit dem Jungen in der Küche ließ Bröker nicht mehr los. Unruhig zog er die Bettdecke zurecht. Natürlich war er Gregors Sticheleien gewohnt. Ja, gerade dass man sich mit ihm so herrliche Wortgefechte liefern konnte, war einer der Gründe, weshalb er den Jungen so mochte. Dennoch fiel ihm auf, dass ihn sein Freund nun schon zum wiederholten Male darauf angesprochen hatte, deutlich an Leibesfülle gewonnen zu haben. Die Schönheitsideale der Werbeindustrie hatten nie besonderen Eindruck auf Bröker gemacht. Aber er wusste natürlich, dass ihn nicht nur ein paar Kilos von der Figur eines Models trennten und irgendwann auch seine Gesundheit unter dem Übergewicht zu leiden begann. Eigentlich plante er ja, nicht älter als 68 zu werden, weil zu diesem Zeitpunkt sein Erbe aufgezehrt sein würde, wie er sich einmal in einer sehr objektiven Stunde ausgerechnet hatte. Deutlich früher zu sterben, hielt er aber auch für Verschwendung. Vielleicht sollte er wirklich einmal etwas anderes für seinen Körper tun, als ihm Wein und reichhaltige Kost einzuflößen. Sportliche Aktivitäten sollten ja hilfreich sein, wenn man den Fitnessaposteln Glauben schenken durfte. Doch Bröker hatte in seinem ganzen Leben keinerlei Sport getrieben. Nun gut, er hatte Schach gespielt, aber er sah selbst ein, dass dies nicht zählte. Und er hatte einmal einem Fußballverein beitreten wollen. Da seine Eltern dies jedoch als einen Arme-Leute-Sport ansahen, hatten sie ihm die Mitgliedschaft verboten. Bröker wiederum hatte in der Folge aus Trotz alle Sportarten, die seinen Eltern genehmer gewesen waren, abgelehnt. Was also konnte er tun?
Er könnte natürlich beginnen, allmorgendlich zu joggen. Bei diesem Gedanken musste Bröker jedoch laut lachen. Er sah sich in eng anliegender Läuferkleidung um den Obersee rennen, wobei dies vermutlich nicht die richtige Bezeichnung für seine Art der Fortbewegung gewesen wäre. Aber vielleicht ginge ja Schwimmen?
Es war schon Jahre, vermutlich sogar Jahrzehnte her, dass sich Bröker in ein öffentliches Schwimmbad getraut hatte, doch in diesem Moment schien es ihm die einzige Möglichkeit, sein sportliches Vorhaben nicht schon aufzugeben, bevor er es überhaupt in Angriff genommen hatte. Nur hatte um diese frühe Uhrzeit vermutlich kein einziges Bad geöffnet. Schon wollte sich Bröker erleichtert wieder in die Kissen sinken lassen, da fiel ihm ein, dass das Schwimmbad in der Uni von halb acht bis halb neun Uhr morgens freies Schwimmen anbot. Jedenfalls war das vor beinahe zwanzig Jahren so gewesen. Charly hatte dort regelmäßig ein paar Bahnen gezogen und war anschließend manchmal zu Bröker hinausgefahren, um einen Artikel für denRotbarsch, die Studentenzeitung, die sie damals gemeinsam herausgegeben hatten, zu besprechen.
Entschlossen stand Bröker auf. Dann fiel ihm ein, dass er, auch wenn Schwimmen verglichen mit Golf oder Tennis eine wen