Rumbero
Er sprach mich vor dem Hotel Riviera an. Ich hatte an der Bar ein paar Drinks genommen und mir den Auftrieb angesehen. Touristen, höhere Funktionäre aus der Provinz, wenige Nutten und die üblichen Aufpasser. Das Riviera hat Meyer Lansky in den Fünfzigern mit Mafiageldern gebaut, ein großer Kasten mit einem Pool und Folkloreshows. Es war ein warmer Abend und vom Meer kam eine leichte Brise herüber.
Er sagte: »Guten Abend, haben Sie einen Moment Zeit?« Ich hielt ihn für einen Deutschen. Er war jung und blond, mit kleinen Pickeln auf den Wangen und sehr blass im Licht der Eingangstür.
»Um was geht’s?«, fragte ich.
Er lächelte und sagte: »Gehen wir dort entlang.« Dabei machte er eine vage Handbewegung und ich dachte, kein Deutscher sagt »dort entlang«. Ich sah ihn genau an und bemerkte, dass er nicht so jung war, wie ich ihn eingeschätzt hatte. Dreißig vielleicht. Und ich würde mit keinem Kubaner, der vor dem Riviera herumstreicht, «dort entlang« in die Dunkelheit gehen. Die Beleuchtung in Havanna war nicht üppig.
»Was wollen Sie?«
»Reden.« Er lächelte immer noch, ein bisschen mehr als vorher, und die kleinen Pickel auf seinen Wangen gerieten in Bewegung. »Ich habe Sie ein paarmal in Vedado gesehen.«
Jetzt hatten sie mich. Ein Bulle. Ich wohnte privat, war da nicht gemeldet und hatte bei der Visaverlängerung einen gefälschten Hotelzettel vorgelegt. Eine von den jungen Damen an der Rezeption vom Capri hatte ihn mir für zehn Dollar organisiert. Und jetzt schicken sie einen jungen Bullen, der deutsch spricht, um es geräuschlos abzuhandeln. Ist schlecht fürs Touristengeschäft, wenn sie Radau machen, sie fingen damals gerade so richtig an damit, und Touristen waren die heiligen Kühe mit den harten Devisen. Oder wollten sie mich umdrehen? Amigo, du hast gegen unsere Gesetze verstoßen und dafür gibt es Knast, kubanischen Knast, Amigo, ganz sozialistisch, die Ernährungslage ist im Moment etwas angespannt und du bist eh zu fett. Das kann lange dauern, und da hilft dir kein Botschafter und keine UNO und kein Hahn kräht nach dir. Wir können es natürlich wegbiegen, einfach vergessen. Wenn du ein bisschen die Augen aufhältst für uns, drüben bei euch. Oder in Miami, eine Menge Kubaner in Miami, Verräter und Konterrevolutionäre. In Deutschland gibt’s auch ein paar von der Sorte. Die Brise, die vom Meer herüberkam, fühlte sich kühl an.
»Was wollen Sie?«, fragte ich.
»Reden«, sagte er, »sprechen, ich habe selten die Gelegenheit, deutsch zu sprechen.«
«Wo haben Sie es gelernt?«
»Auf der Universität und in der DDR. Wir haben Thälmann und Rosa Luxemburg im Original gelesen. Kommen Sie weg hier von dem Licht.«
Er deutete mit dem Kopf auf zwei Männer, die vor dem Eingang standen, ein Mulatte in einer hellen Guayabera und ein Weißer, der ein leichtes Jackett trug.
Woher weißt du, dass ich Deutscher bin, d