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Wir haben hier alles, was wir brauchen. Zwei Betten zum Schlafen, zwei Stühle zum Sitzen, einen Tisch zum Schreiben, ein Radio zum Hören, ein Fenster zum Hinaussehen. Leider nur sehr wenig Luft zum Atmen für zwei erwachsene Männer. Und keinen Kühlschrank, um das Bier aufzubewahren. Da wir hier nur selten Bier bekommen, spielt das keine große Rolle. Mir ist es ohnehin egal, nur mein Kompagnon kann nicht oft genug das Fehlen eines eisgekühlten Holsten beklagen. Was mir viel mehr zu schaffen macht, ist der Ausblick aus dem Fenster: graue Mauern, grauer Asphalt, grauer Himmel. Viel mehr bekommen auch Sie nicht zu sehen, werden Sie jetzt sagen. Sicher. Aber die Mauern, die ich sehe, wenn ich mich auf die Zehenspitzen oder auf den Stuhl stelle, sind Gefängnismauern. Der Hof, den ich sehe, das ist der, in dem wir eine Stunde täglich herumlaufen dürfen. Und der Himmel? Der ist unsichtbar geworden. Wenn alles grau geschmirgelt ist, wird es schwierig, herauszufinden, wo die eine Fläche beginnt und die andere aufhört. Meiner Welt fehlt die dritte Dimension, sie existiert nur noch als Fläche. Es gibt keinen Raum mehr. Nur noch eine Zelle.
Der Mann, mit dem ich diese wenigen Quadratmeter teile, hat die Angewohnheit, vor dem Einschlafen ein Lied zu singen: „Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen …“ Das singt er jeden Abend. Nicht richtig laut. Mal summt er es, mal murmelt er es im Sprechgesang, gelegentlich hebt er die Stimme etwas an, manchmal lallt er ein bisschen. Text und Melodie beherrscht er nur bruchstückhaft. Also muss er improvisieren. Ich achte auf jede Nuance, jede Abweichung, jede Neuentwicklung. Auf diese Weise singt er sich in den Schlaf. Ich habe es bis heute nicht geschafft, herauszufinden, wann der Schlaf bei ihm beginnt. Jedenfalls nicht erst dann, wenn sein Gesang verstummt. Er murmelt sowieso sehr viel im Schlaf. Leider kann ich davon kaum etwas verstehen, sosehr ich mich auch bemühe. Dabei würde ich gerne mehr über diesen Mann erfahren, mit dem ich nun seit einigen Wochen zusammenlebe. Nicht aus wirklichem Interesse natürlich, sondern aus Langeweile.
Mein Gott, wie ich mich langweile! Man kann tatsächlich ein Stadium der geistigen Öde erreichen, indem man zu nichts anderem mehr fähig ist, als sich zu langweilen. Eine Psychose. So weit wollen sie einen natürlich kriegen. Das nennen sie Strafvollzug. Sie machen einen dumpf, apathisch, blöd. Man wird zum