: Hans Herbst
: Günther Butkus
: Siesta Stories 1
: Pendragon Verlag
: 9783865322913
: 1
: CHF 8.90
:
: Romanhafte Biographien
: German
: 264
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Stories aus der Welt der Bars und der Straße: Momentaufnahmen von Einzelgängern und kleinen Gangstern, von rastlosen Menschen voller Angst, geheimen Erwartungen und inneren Spannungen. Jörg Fauser über den Weltenbummler Hans Herbst: 'Und genau darum geht es in diesen Geschichten: um Augenblicke auf der Kippe; um Angst und die Kraft, die die Angst überwindet. Und: diese Geschichten hat einer geschrieben, der sich erstmal im Leben umgesehen hat, bevor er sich an die Maschine setzte und uns zeigte, dass er außer Trommeln und Weiten auch den Rhythmus

Hans Herbst wurde 1941 in St. Pauli/Hamburg geboren. Nach einer Lehre als Autoschlosser reiste er durch Europa, später nach Mexiko, Nordamerika, Brasilien und in die Karibik. Erste Texte entstanden 1979. Hans Herbst hat zahlreiche Stories, Reportagen und einen Roman veröffentlicht. Er lebt als Autor und Musiker in Hamburg. www.hansherbst.de

Tagsüber


Krebs ging die Straße runter, weil er nichts anderes zu tun hatte. Es war kalt, und er schwitzte. Als er die beiden Bullen sah, wurde ihm übel, und er ging auf die andere Straßenseite. Die Bullen gingen auch auf die andere Straßenseite und genau auf ihn zu. Er konnte das nicht aushalten und ging wieder zurück. Die Bullen grinsten zu ihm rüber, und einer sagte: »Fall nicht hin.«

Krebs sagte: »Heute noch nicht.«

Sie waren beide in Zivil. Krebs hatte mal mit ihnen zu tun gehabt. Er ging langsam die Straße runter und fühlte den Schweiß unter seinen Achseln, kalt und klebrig.

Er sah die Frau, gerade als sie in ihren Wagen stieg. Eine große, schöne Frau mit kräftigen Schultern, geradem Rücken und einem prächtigen Arsch, der nicht zu groß war, und endlos langen Beinen, die in Stiefeln steckten. In diesem Rolls durch die Stadt kutschieren! Sie sitzt neben ihm, er fährt. Er legt ihr seine linke Hand in den Nacken, arbeitet sich durch das dichte schwarze Haar, streichelt sanft den Nacken rauf und runter und lässt seine Finger spielen. Sie lehnt sich gegen seine Hand, lächelt und reibt sich mit geschlossenen Augen an seiner Hand wie eine Katze. Durch die Hand, den Arm, geht ein warmes Gefühl in ihn rein, runter bis zum Magen und wieder rauf in seinen Kopf, und er sagt, mit breitem Lächeln und voller Freude: »Ich liebe dich.« Sie wirft sich auf seine Schenkel, presst ihr Gesicht in seinen Schoß, drückt sich an ihn und sagt: »Du bist ein Verrückter, du bist durch und durch verrückt.« Dabei lacht sie, und er spürt ihren warmen Atem. Das Radio ist an, AFN bringt Parker. Krebs ist glücklich und greift sich die flache Flasche mit dem Calvados. »Nächste Woche sind wir in Amerika«, sagt er, »und wir werden uns mit Musik vollpumpen und in großen Hotelbetten liegen, und ich werde einfach in dich reinkriechen und von drinnen nach Champagner schreien.« Er drückt ihren Kopf in seinen Schoß, und sie lacht und beißt ihn und sagt: »Ich liebe dich.«

Als Krebs bei dem Gedanken angekommen war, sah er Massel. Der schräge Gang war nicht zu verkennen, genauso wie der Eierkopf und die dicke Brille. Massel hielt genau auf ihn zu, und Krebs sah überhaupt keine Fluchtmöglichkeit. Er rannte genau in ihn rein. Massel sah aus, als hätte jemand Zentnerschweres auf seinem Gesicht gesessen und dabei Zement gepupt. Zur Begrüßung sagte er: »Mann, ist das kalt.«

Krebs sagte: »Ja.«

Sie gingen zusammen die Straße runter, und der Eierkopf wackelte, die dicke Brille blinkte, und die bläulichen Lippen gaben eine saure Fahne frei, die Krebs, als sie ihn genau ins Gesicht traf, exakten Aufschluss über Massels Fressen und Saufen der letzten drei Tage gab. Er sagte: »Dir geht’s nicht schlecht, was?«

Massel erwiderte schlicht: »Ich war eingeladen.«

Krebs war ehrlich erstaunt. »Wer lädt denn dich ein?«

Ohne besondere Betonung sagte Mass