2. Kapitel
»Glückwunsch, Dad!« Beim Frühstück am nächsten Morgen umarmte Ellie ihren Vater und drückte ihm einen geräuschvollen Kuss auf die Wange.
»Herzlichen Glückwunsch, Stephen«, schloss sich Inge bewundernd an. »Das ist wie ein Oscar, nicht wahr?«
»Na ja, ein bisschen«, räumte Stephen bescheiden ein.
Luke blickte von seiner Wrestling-Zeitschrift auf. »Dad, ich frag mich schon die ganze Zeit …«
»Ja?« Beim Anblick des ernsten Gesichts seines zwölfjährigen Sohns musste Stephen lächeln.
»… wozu ist Werbung eigentlich da, Dad?«
Stephen lachte. »Frag mich was Leichteres. Ist nur mein Job.«
Seine Antwort überraschte Tess. In seiner Stimme lag ein Anflug von Sarkasmus und Abwehr, den sie an diesem Tag, dem wichtigsten in seiner gesamten Karriere, nicht erwartet hätte.
Sie beugte sich vor und fuhr ihm durchs Haar, dann stand sie auf und machte sich auf die Suche nach ihrer Aktentasche. Sie verließ normalerweise als Erste das Haus, außer wenn sie Ellie und Luke zur Schule bringen musste. Aber meistens tat Inge das.
»Mum, dürfen Lil und Penny heute Abend kommen?«, fragte Ellie; sie sprach von ihren beiden furchterregend coolen besten Freundinnen.
»Nur wenn ich bis dahin eine Anstandsdame habe«, schaltete sich Stephen ein. »Die beiden sind absolut schamlos.«
Ellie kicherte. »Sie finden dich halt geil, das ist alles.«
»Beruht jedenfalls nicht auf Gegenseitigkeit. Sie erschrecken mich jedes Mal zu Tode. Sie sind richtige Amazonen. Und an allem ist nur das Vollkornbrot und die Sonnenblumenmargarine schuld. Haben die beiden eigentlich noch nie was von Lolita gehört?«
»Aber natürlich«, erwiderte Ellie, »die beiden kommen gleich nach ihr. Außerdem ist es deine eigene Schuld.«
»Meine Schuld?« Verwirrt sah er seine Tochter an. »Wie kann das meine Schuld sein?«
»Du siehst eben nicht aus wie die anderen Väter.« Sie erhob sich und klopfte ihm gönnerhaft auf die Schulter. »Aber mach dir nichts draus, bald bist du alt und kahlköpfig.«
»Oh, vielen Dank.« Stephen gab ihr einen liebevollen Klaps. »Ich bin froh, dass ich mich in meinem Leben noch auf etwas freuen kann.«
»Soll ich dich bis zur U-Bahn mitnehmen?«, schaltete sich Tess ein, die meinte, ihm zu Hilfe kommen zu müssen. Noch bevor Tess die Haustür erreicht hatte, klingelte das Telefon in der Halle. Tess nahm ab; es war ihre Mutter.
»Hallo, Mum.« Sie warf einen Blick auf die Uhr und verdrehte die Augen. Ihre Mutter hatte die Angewohnheit, immer im unpassendsten Augenblick anzurufen, und wenn Tess dann kurz angebunden war, war sie tödlich beleidigt.
Stephen grinste ihr schadenfroh zu und formte mit den Lippen die Worte »Ich gehe«. Dymphna, Tess’ Mutter, war nur schwer zu stoppen, wenn sie einmal jemanden an der Strippe hatte.
»Was ist los bei euch in London?«, fragte Dymphna. »Offensichtlich eine ganze Menge, denn du hast dich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gemeldet.« Tess antwortete mit einem Seuf