9 Miri
So langsam lebe ich mich in Mainz ein. Inzwischen sind wir seit über sechs Wochen hier. Ich arbeite donnerstags und samstags im Irish Pub. Das ist zwar stressig, aber das Trinkgeld sichert mir das Überleben. Zusammen mit dem, was Janina als Kassiererin verdient, und unserem Kindergeld kommen wir gut über die Runden.
Mein Leben ist fast geordnet. Keine One-Night-Stands, nicht mal wilde Knutschereien. Irgendwie war kein Typ dabei, der mich gereizt hätte. Also arbeite ich, lehne alle zweideutigen Angebote ab und bereite mich auf den Masterstudiengang vor.
Zwei- oder dreimal war ich mit einer Kollegin shoppen, und wir haben uns ein wenig angefreundet. Wenn das Semester in acht Wochen anfängt, werden sicher noch neue Bekannte dazukommen.
Sören habe ich seit jenem ersten Tag kaum zu Gesicht bekommen. Er arbeitet als Dolmetscher für verschiedene Firmen in Frankfurt und ist häufig unterwegs.
Win ist immer noch im Urlaub. Seit sechs Wochen. Muss man als Dozent nicht Seminararbeiten korrigieren oder so? Und verdient man so viel, dass man sechs Wochen in Australien Urlaub machen kann? Fragen, die sich immer wieder in meine Gedanken schleichen. Genau wie sein Gesicht, seine Hände, sein Blick …
Ich denke auch an ihn, als ich heute von der Arbeit nach Hause komme. Es ist halb drei, Sonntagfrüh. Schon von draußen sehe ich, dass in der Küche Licht brennt und sich jemand darin bewegt.
Sören hat sich übers Wochenende verabschiedet, und Janina ist um diese Zeit eigentlich noch nicht wieder zurück. Also muss es Win sein. Warum bei der Vorstellung mein Herzschlag aus dem Takt zu geraten scheint, ist mir schleierhaft.
Klar, unsere Unterhaltung, bevor er geflogen ist, war schön. Es hat mich eine Menge Kraft gekostet, seiner Einladung nicht zu folgen. Aber mehr war da nicht. Vielleicht sollte ich einfach noch mal mit ihm schlafen, um ihn aus meinem Kopf zu bekommen?
Kurz erwäge ich, die Geräusche und Bewegungen in der Küche einfach zu ignorieren, aber meine Neugier siegt. Also schaue ich durch die Tür und sehe tatsächlich Win. Und wieder haut mich sein Anblick um. Ich kann einfach nichts dagegen tun.
Er steht mit dem Rücken zu mir und macht sich am Herd zu schaffen. »Hi!« Ich war auch schon mal einfallsreicher. Aber ich will auf gar keinen Fall, dass er denkt, ich freue mich, ihn zu sehen.Moment, wie bescheuert ist das denn? Es sollte mir völlig egal sein, was er denkt.
Offensichtlich hat er mich nicht kommen hören, denn er zuckt zusammen und dreht sich um. »Miri?« In der einen Hand hält er eine Gabel, die andere wischt er an der Jeans ab.
Weil ich weiß, dass er mich an meinem Lächeln erkennt, lächle ich. Er zwinkert mir zu.
»Ich koche Spaghetti. Möchtest du auch?« Leicht verlegen deutet er auf die beiden Töpfe hinter sich.
»Wenn du genug hast, warum nicht?« Tatsächlich habe ich ein wenig Hunger. »Warum kochst du mitten in der Nacht?«
»Weil ich die letzten Wochen in Australien war? Mein Flieger ist vor sechs Stunden gelandet, und ich bin hellwach. Es fühlt sich an wie Mittag.«
»Wie war es denn? Lohnt es sich? Warst du alleine dort?« Für die letzte Frage könnte ich mich ohrfeigen.
»Ja.« Seine gute Laune ist plötzlich wie weggeblasen. Scheinbar ruhig gießt er die Nudeln ab. »Holst du Teller und Besteck?«
Irgendetwas stimmt nicht. Meine Frage scheint einen wunden Punkt getroffen zu haben. Ich decke den Tisch und überlege, ob ich weiterfragen soll.
Er kommt mir zuvor. Seufzend stellt er die Nudeln und die Soße auf den Tisch. »Wenn ich dir erzählen soll, warum ich allein in Australien war, brauch ich was zu trinken. Ich habe noch eine Flasche Rotwein oben. Trinkst du ein Glas mit?«
»Klar. Ich bin eh noch zu aufgedreht, um zu schlafen.«
»Gut, dann bin ich gleich wieder da.« Er verschwindet, und ich schnuppere an der Tomatensoße. Er hat frisch gekocht, und es riecht verdammt lecker.
Ich mache mich auf die Suche nach Weingläsern und finde keine. Dann werden es wohl Wassergläser tun müssen. Als ich sie gerade neben unsere Teller stelle, höre ich ihn schon wieder die Treppe herunterkommen.
»Ein Geschenk meiner Eltern zur Verlobung«, sagt er und schwenkt die Flasche hin und her.
»Verlobung?« Ich kann nur hoffen, dass man mir nicht ansieht, wie fassungslos ich bin. »Du bist verlobt?« Gut, meine Stimme klingt ruhig.
»Ich war verlobt.« Kurz zeigt sich so etwas wie Schmerz auf seinem Gesicht. Er holt einen Flaschenöffner aus einer Schublade und schenkt uns ein. »Auf die Ehe!« Mit einem traurigen Blick nimmt er zwei tiefe Züge, schenkt sich nach und setzt