Warum man schwer sagen kann, ob die Vor- oder die Nachteile in unserer digitalen Welt überwiegen
Liessmann gedanklich herauszufordern ist sicher keine leichte Aufgabe. Umso mehr freue ich mich, dass ich ihn mit einer Themenstellung ein bisschen aus der Reserve locken kann. Vorerst antwortet er relativ emotionslos und sachlich. Doch plötzlich wird in unserem Gespräch etwas passieren, das ihn emotional bewegt. Ich freue mich darüber.
Führt die Flüchtigkeit der leichten Zugänglichkeit notwendigerweise zur Oberflächlichkeit? Das große Demokratisierungsversprechen des Web – wurde ja nicht eingelöst, oder?
«Jeder spricht heute von der Digitalisierung. Wie digital soll unsere gegenwärtige und zukünftige Welt sein?», frage ich in der Gewissheit, dass er darüber sicher schon oft referiert hat.
«Ich tue mich schwer mit der Antwort, da Digitalisierung so eine globale Angelegenheit ist. Ich glaube, man muss sich da viele einzelne Felder anschauen … Phänomene fast, die nur durch eines verbunden sind, nämlich durch die gleiche Technologie», diese Antwort überrascht mich vorerst nicht.
Natürlich bedeutet Digitalisierung, dass man jede Information als binäres mathematisches System mit0 und1 darstellen kann, damit rechnen und auswerten kann, erklärt der Professor. Aber so wie wir heute über Digitalisierung reden, hätte man vielleicht im17. oder18. Jahrhundert über die Frage geredet oder diskutiert, welche Bücher man lesen soll, und man hätte dazu gesagt: Buchdruck, ja oder nein? Der Buchdruck als Technologie verbindet alle gedruckten Texte, aber sagt nichts darüber aus, ob sie gut oder schlecht, brauchbar, unbrauchbar oder bedeutend sind. Die Digitalisierung setzt eine Zäsur für alle anderen Formen der Informationsaufnahme und -weitergabe. So weit der rein formale Zugang.
Immer wichtiger wird es aber werden, jene Formen des Denkens, Kommunizierens, Wissens und Fühlens zu behalten und auch zu schulen, die sich anderen Quellen, Methoden und Erfahrungen verdanken und deshalb einen anderen, distanzierteren Zugang zur digitalisierten Welt erlauben. Da es ohnehin nicht zu verhindern ist – und auch gar nicht verhindert werden soll! –, dass junge Menschen in eine digitale Welt hineinwachsen, wird vor allem auf Bildungseinrichtungen, aber auch auf jeden Einzelnen die entscheidende Aufgabe zukommen, zu zeigen und zu pflegen, was es sonst noch an Wissenswertem, an Schönem, an Erfahrungsmöglichkeiten, an Denkwürdigem gibt.
Diese Gedanken sind für den Lehrer Alltag, er hat schon oft über sie