1 Der Untergang der Hammaburg
von Lutz Kreutzer
Inmitten der Niederungen von Alster, Bille und Elbe, also am heutigen Domplatz zu Hamburg, befand sich einst ein Geestrücken, auf dem sich seit dem frühen achten Jahrhundert, so vermutet man, Menschen in einfachen Hütten ansiedelten. Hundert Jahre später schickte Kaiser Ludwig der Fromme den Benediktinermönch und Missionar Ansgar in das Dorf, um von hier aus die germanischen Gebiete nördlich der Elbe zu missionieren, mit dem Ziel, ein eigenes Bistum zu gründen. Ansgar ließ an dieser Stelle die erste Kirche Hamburgs bauen, den Dom St. Marien.
Im Jahr 845 aber wurde dieser friedliche Ort, den man Hammaburg nannte, von großem Unheil heimgesucht.
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Ein kalter Morgen
Ingbert von Eschweiler hatte das Gesicht tief in der Kapuze vergraben. Eine leichte Brise, die über den Geestrücken zwischen Alster und Bille wehte, trieb den Nebel in die nahen Elbniederungen zurück, doch auch an Land war die Luft so feucht und schneidend, dass Ingbert zitterte. Jeder seiner Atemzüge verwandelte sich in eine weiße Wolke, während er mit den Armen immer wieder seinen Oberkörper klopfend umschlang, um das Frösteln zu vertreiben.
Schon am frühen Morgen hatte er mit dem Herrn Ansgar den weiteren Ausbau der Klosterschule besprochen, weshalb er sich bereits gestern Abend in den Ring der Burg begeben hatte. Später wollte er nach dem Gebet unter den Mönchen und Handwerkern die Aufgaben für den Tag verteilen.
Seit drei Jahren stand er im Dienst des Herren Ansgar, der elf Jahre zuvor das bescheidene Kloster, die Schule und die prächtige Kirche hatte erbauen lassen, die er der heiligen Gottesmutter geweiht hatte. Dieses neue geistliche Zentrum des Nordens lag außerhalb des Palisadenringes, gute hundertfünfzig Schritte vom Nordtor der eigentlichen Burg entfernt, am Rande des Waldes, der die Siedlung auf dem offenen Plateau nach Nordosten hin begrenzte. Ansgars Auftrag vom Kaiser Ludwig lautete, das Land nördlich der Elbe für die Missionierung vorzubereiten, und da drängte sich der Platz auf der sandigen Landzunge als Stützpunkt für weitere Vorstöße in die unbekannten Gebiete geradezu auf. Hier hatten bereits vor über hundert Jahren sächsische Bauern, Fischer und Handwerker mit ihren Familien gesiedelt, die ersten Hütten erbaut und eine Befestigung errichtet. Und so hatte Ansgar bereits vieles vorgefunden, was nötig war, um seine Aufgabe zu erfüllen.
Die Siedlung wurde von den alten Sachsen Hammaburg1 genannt. Was dieses Wort in der fränkischen Sprache bedeutete, spürte Ingbert in diesem Augenblick schmerzlich beim Anblick seiner schwarzen Bundschuhe, die bereits nach wenigen Schritten auf seinem kurzen Weg durchfeuchtet waren. Hammaburg, die ›Burg auf der feuchten Wiese‹.
Ansgar hatte ihn, Ingbert von Eschweiler, auf Empfehlung der kaiserlichen Hofschule zu Aachen hierhergeholt, um seine Einrichtungen in zuverlässige Hände zu übergeben. Mit dreiundzwanzig Jahren war Ingbert auf diese Weise nicht nur als Schriftgelehrter, sondern auch als Verwalter nach Hammaburg gekommen, obwohl er kein Geistlicher war. Ähnlich wie sein Lehrer, der große Einhard, der als Laienabt und Klosterverwalter auch nicht die heiligen Weihen empfangen hatte.
Ingbert hatte seinem Mentor Einhard alles zu verdanken, der noch den großartigen Kaiser Karl persönlich gekannt und dessen Lebensgeschichte aufgeschrieben hatte. Einhard hatte den dreizehnjährigen Ingbert eines Tages beobachtet, als er am KönigsgutAscvilare