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5. August 2018, Karla Senkrecht, Beate Pauli
»Da wollte ich heute ausnahmsweise mal die Beine hochlegen«, sagte Karla Senkrecht, die mürrisch auf dem Beifahrersitz saß und gähnte. »Zur Belohnung werde ich jetzt ein Zigarillo rauchen.«
»Nur über meine Leiche«, antwortete Beate Pauli. »Oder willst du, dass ich einen Unfall baue? Bei dem Qualm sieht man doch nix.«
Karla knurrte. »Möchte mal wissen, wer die Kleine da in die Scheiße geritten hat. Wusstest du überhaupt, dass sie nicht zu Hause ist?«
Beate schüttelte den Kopf. »Bin doch nicht ihre Mutter. Muss sie sich etwa jedes Mal bei uns abmelden, wenn sie was vorhat? Das würde dir wohl so passen, was? Lass sie doch, sie ist alt genug, um auf sich selbst aufzupassen.«
Karla stieß einen zischenden Laut aus. Insgeheim war sie traurig darüber, dass Melinda sie beide nicht informiert hatte.
Wer die kauzige Privatdetektivin nicht genau kannte, der hielt sie für eine unfreundliche dicke, nicht zu Scherzen aufgelegte Person mit verkniffenem Gesicht, der man besser aus dem Wege ging. Ein echtes Mannsweib. Ihre kurzen Haare, die wegen widerborstiger Wirbel nicht recht zu bändigen waren, verstärkten dazu den Eindruck eines chaotischen Charakters. Dass Karla das Herz auf dem rechten Fleck trug, das wussten außer ihrer Lebensgefährtin Beate und natürlich Melinda die wenigsten Menschen. Und auch nicht, dass ihre eigentümlichen Ermittlungen auf eine Menge Kreativität und einen wachen Verstand hinwiesen. Um ihre junge Nachbarin Melinda Brandt kümmerten sich die beiden Frauen beinahe rührend. »Einer muss ja auf das Kind aufpassen«, war Karlas Leitspruch, wenngleich das Kind beinah 30 war. Karla und Beate hatten keine leiblichen Kinder, heimlich hofften aber beide, dass Melinda noch lange in der Nachbarwohnung leben möge, denn sie liebten die junge Frau, als ob sie ihr eigenes Kind wäre. Sie sorgten sich um ihr Wohlergehen, hatten sogar schon mit Erfolg einen Freund von Melinda in die Flucht geschlagen. Beate Pauli, die von Beruf Rechtsanwältin war, war die weiblichere der beiden Frauen und eine durchaus elegante Erscheinung. Auch sie trug die dunkelblonden Haare kurz, war stets dezent geschminkt, trug wegen einer massiven Kurzsichtigkeit eine Hornbrille mit starken Gläsern, die ihr jedoch gut stand. Sie pflegte hauptsächlich Kostüme zu tragen, zumindest in ihrer Kanzlei, die sich in der noblen Myliusstraße befand. Als vor einer Viertelstunde der Anruf von Melinda aus dem Polizeipräsidium kam, waren die beiden Frauen nicht nur beinah aus dem Bett gefallen, sondern aus allen Wolken.
»Zum Glück will sie dich als Anwältin, das erleichtert einiges«, knurrte Karla und sah gedankenverloren aus dem Fenster.
»Ja, wen denn auch sonst, oder meinst du, das Mädchen kennt sich mit Anwälten aus?«
»Meinst du, sie hat ihren Eltern Bescheid gegeben?«
»Vermutlich nicht. Sie haben sich all die Jah