Eric Barnert:
Die letzte Kugel
Die einen gehen ins Böllenfalltor-Stadion, andere fahren Rad, wandern im Odenwald, grillen mit Freunden, berauschen sich an den Exponaten eines Museums oder auch ganz praktisch bei einer Weinprobe. Vielleicht legen manche auch einfach nur die Füße hoch und lesen. Oder sie tun alles auf einmal. Nun ist es keineswegs so, dass wir so etwas nicht täten. Aber für uns beginnt jedes Wochenende am Freitagnachmittag auf der Darmstädter Mathildenhöhe mit Boulespielen. Zumindest von April bis Oktober, sofern es nicht gerade aus Kübeln schüttet. Das halten wir seit rund 20 Jahren so.
Im Schatten des Platanenhains der Großherzoglichen Bouleanlage unterhalb des Hochzeitsturms, inmitten der berühmten Jugendstilbauten von Olbrich und Behrens, lassen wir die Woche Revue passieren, witzeln über uns und unsere Partnerinnen, freilich etwas zurückhaltender, wenn eine davon dabei ist, trinken manchmal ein Glas Wein dazu, essen Baguette und Käse. Heute sind wir unter uns.
Es ist Anfang Juni, das Blätterdach hat sich bereits geschlossen, das Grün der Bäume fließt ineinander und lässt die Sonnenstrahlen nicht bis auf den feinen Kies am Boden durchdringen, unser Spielfeld, auf dem wir üblicherweise in zwei Mannschaften gegeneinander antreten. So haben alle genug Zeit für das Drumherum, was mindestens genauso wichtig ist wie das Spiel selbst.
Sechs Freunde, allesamt Architekten, die sich während des Studiums in Darmstadt kennengelernt haben, alle inzwischen mit ein paar Kilo mehr auf den Rippen und ein paar Haaren weniger auf dem Kopf, alle zwischen Mitte und Ende 40, manche mit Kindern, manche verheiratet, manche arbeiten als Architekten, andere haben umgeschult, denn nirgendwo in Deutschland gibt es mehr Architekten pro Einwohner als in Darmstadt. Wer nicht wegziehen will, muss deshalb manchmal in Kauf nehmen, nicht in seinem Beruf zu arbeiten.
So ist es auch bei Michael und Karl. Michael arbeitet inzwischen auf dem Sportamt der Stadt, Karl wenigstens noch in der Immobilienabteilung der Sparkasse.
Auch Alfred hat der Architektur den Rücken gekehrt, er programmiert jetzt bei einer Software-Firma.
Nur Peter, Sven und ich arbeiten noch als Architekten. Peter bei der staatlichen Bauverwaltung, wo er sich mit Ausschreibungen für öffentliche Bauvorhaben beschäftigt, während Sven und ich jeweils ein kleines Architekturbüro betreiben, oder anders formuliert, wir sind die Einzigen, die wirklich Häuser bauen und zuweilen auch stolz darauf. Ehrlicherweise sei erwähnt, dass wir jedoch meist unsere Brötchen mit kleineren Renovierungen oder Umbauten im Auftrag von privaten Immobilienbesitzern verdienen. Dass Karl uns immer wieder Bauherrn vermittelt, die bei ihm eine Sparkassen-Immobilie gekauft haben, verrate ich hier nur am Rande, nicht dass er noch Ärger bekommt.
Alfred, dem Programmierer, kommt das Verdienst zu, unsere Runde ins Leben gerufen zu haben, und er ist vielleicht der Einzige, der das Boulespiel wirklich beherrscht und ernst nimmt. Wobei wir alle im Laufe der Jahre einen gewissen Ehrgeiz entwickelt haben, was aber keiner zugeben würde.
An diesem Freitag spielen die umgelernten gegen die praktizierenden Architekten, also drei gegen drei, ein sogenanntes Triplette, jeder hat zwei Kugeln. Diese Konstellation ergibt sich immer wieder, obwohl Peter, Sven und ich meistens verlieren. Aber so ist am meisten Raum, um sich zu unterhalten, zu scherzen, etwas zu trinken und zu essen. Außerdem sind meist noch andere Gruppen da, eigentlich immer dieselben, man kennt sich und tratscht entspannt.
Eben hat der schmächtige Alfred seine letzt