»Paul will eine große Hochzeit.«
Anne wusste noch genau, wann sie diesen Satz zum allerersten Mal gehört hatte und wie lange sie ihn schon mit sich herumtrug. Eigentlich hatte sie ihn damals sofort aus ihrem Gedächtnis streichen wollen, doch das war ihr zu keinem Zeitpunkt gelungen.
»Paul will eine große Hochzeit.«
Sie hatte immer noch Theas Stimme, ihren selbstgefälligen Tonfall im Ohr, als sie das gesagt hatte. Annes erster Impuls war gewesen, schallend zu lachen. Das hatte sie dann auch getan, jedenfalls ansatzweise. Thea hatte dieses Lachen nämlich sofort abgewürgt und Anne gerügt.
Was es da zu lachen gebe, hatte sie scharf wissen wollen, und da konnte Anne auf einmal nicht mehr lachen. Es machte ihr auch selbst gar keinen Spaß, obwohl der besagte Satz eigentlich zu nichts weiter als zu Gelächter herausforderte.
Denn niemand kannte Paul besser als Anne. Er war ihr großer Bruder, sie hatten fast zwei Jahrzehnte lang unter einem Dach gelebt und waren miteinander so vertraut, wie man es sonst kaum bei Geschwistern fand.
Das lag möglicherweise daran, dass sie sehr früh ihre Eltern verloren hatten. In gewisser Weise waren sie Seelenverwandte, bildeten eine Art Symbiose, und häufig spürte Paul oben im Norden des Landes, wenn Anne in München ihn brauchte, obwohl sie kein einziges Wort darüber verloren hatte – und dann klingelte bei ihr das Telefon, weil Paul immer wusste, wann es ihr nicht gut ging. Daran war die enge innere Verbindung zwischen ihnen schuld.
Und dieses Gefühl hatte Anne augenblicklich gesagt, dass ihr Bruder alles andere, jedoch auf gar keinen Fall eine große Hochzeit wollte. Paul war keiner, der Aufsehen und Wichtigkeit brauchte. Wenn er heiratete, dann in aller Stille und ohne imposante Inszenierung. Aber Thea – die Frau, die Paul seit fünf Jahren hingebungsvoll liebte, ja, die er geradezu anbetete – hatte sich im Laufe der Zeit als Mensch mit einem schier unersättlichen Geltungsbedürfnis entpuppt.
Für Thea musste immer alles noch etwas größer, bedeutender, auffallender und farbenprächtiger sein als anderswo. Thea war es, die eine große Hochzeit wollte, jawohl! Thea lechzte förmlich nach ihrem großen Auftritt. Mit weniger gab sie sich einfach nicht zufrieden.
Selbst, wenn sie nur in den Garten ging, um Unkraut zu jäten oder welkes Laub zusammenzufegen, tat sie das in einer Haltung und mit einem Gesichtsausdruck, der förmlich jedem, dem sie begegnete, entgegenzurufen schien: »Seht ihr mich auch alle? Seht ihr, wie wundervoll und begabt ich bin? Wie anmutig ich hier knie und den Löwenzahn aus dem Boden reiße?«
Ich hasse sie, dachte Anne und biss ein weiteres Mal die Zähne zusammen, um diese herbe Wahrheit auf keinen Fall über ihre Lippen kommen zu lassen. Doch dafür war es schon zu spät, denn der junge Mann auf dem Beifahrersitz ihres Wagens wandte sich ihr flüchtig zu,