Jetzt brauchte sie einen eigenen Anwalt. Keinen Tag länger als nötig würde sie ihre Angelegenheiten in Etzels Händen lassen. Der einzige, der ihr mit Sicherheit einen guten Anwalt hätte nennen können, war Stephan. Doch es schien ihr unpassend, da die zu regelnde Angelegenheit ja auch ihn anging.
Mit hochgezogenen Schultern bog sie aus der Seitenstraße in die Hauptstraße, die zum Bahnhof führte. Sie betrachtete sich in der Schaufensterfront eines hohen Gebäudes. Ihre Schritte wurden langsamer, bis sie schließlich stehen blieb. Sie starrte auf das Bild, das sich ihr bot, als sähe sie ihr eigenes Spiegelbild zum ersten Mal.
Ihr Blick wanderte über die schlanke Gestalt, die in einer großen Regenjacke förmlich versank. Die Jeans waren zu weit geworden und schlugen an den Knien Falten. Ihren Haaren sah man an, dass sie lange keinen Frisör gesehen hatten. Doch am meisten hielt ihr eigener Blick sie im Bann. Wann war es geschehen, dass alles Leben, alle Freude aus ihnen verschwunden war? Ihre Augen blickten stumpf, und unter ihnen hatten sich Ränder gebildet.
Sie schluckte. Das war nicht sie, die ihr da entgegenblickte. Wie hatte sie zulassen können, dass das da aus ihr geworden war? Hatte sie nicht allen Grund, glücklich zu sein und optimistisch in die Zukunft zu blicken? Vor einigen Monaten war sie noch scheinbar eine Waise und ihren Stiefeltern ausgeliefert und jetzt? Jetzt war sie Hüterin eines prachtvollen Hauses, hatte jede Menge Freunde und Unterstützer und eine Zukunft. Weder Angst noch Trauer noch alberner Liebeskummer würden ihr das kaputtmachen.
Als jemand sie anrempelte, wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Abwesend lief sie ein paar Schritte, bis ihr Blick auf ein äußerst gediegen wirkendes Firmenschild fiel. Konrad Möbius, Rechtsanwalt und Notar, stand dort in dezenter Schreibschrift auf bronzenem Untergrund.
Ein merkwürdiges Gefühl überkam sie. Wie magisch angezogen ging sie auf die gläserne Eingangstür zu und stieß sie auf. Das Foyer war leer. An einer Seite zeigte eine Schautafel die Mieter des Bürogebäudes. Das Anwaltsbüro befand sich im zweiten Stock. Sie ließ den Aufzug links liegen und stieg die Treppe hinauf. Die lederbespannte Tür ließ sich aufdrücken, und sie betrat einen modern eingerichteten Vorraum. Rechts befand sich ein Schreibtisch. Der Stuhl dahinter war leer. Eine Stimme aus einem angrenzenden Raum rief. „Einen Moment bitte!“
Etwa eine Minute später erschien eine grauhaarige, mütterlich wirkende Frau in einer Seitentür und lächelte freundlich.
„Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“
Rylee räusperte sich. Was sollte sie jetzt sagen? Normalerweise platzte man nicht einfach ohne Termin bei einem Anwalt herein.
„Mein Name ist Rylee Montgelas“, begann sie und trat näher an den Schreibtisch. „Ich habe gerade eben festgestellt, dass mein Anwalt, also eher der Anwalt meiner Eltern, der mein Erbe verwaltet, mich hintergeht. Und jetzt brauche ich Hilfe …“, schloss sie mit einem hoffnungsvollen Blick.
„Ach herrje!“, antwortete die Frau und kam um den Schreibtisch herum. „Setzen Sie sich erst einmal.“ Sie zeigte auf eine Sitzecke. „Ich sehe, was ich tun kann. Möchten Sie etwas trinken? Einen Kaffee vielleicht? Sie sehen ganz blass aus.“
Erleichtert ließ sich Rylee auf die bequeme Couch sinken. „Gerne“, sagte sie. „Wenn es nicht zu viel Mühe macht.“
„Ach wo“, winkte die Frau ab und ging hinter ihren Schreibtisch. Sie sah auf ihre Telefonanlage. „Herr Möbius telefoniert noch. Ich mache Ihnen den Kaffee und dann sehe ich zu, dass er sich Zeit für Sie nimmt.“
Fünf Minuten später saß Rylee, eine Tasse Kaffee und einen kleinen Teller mit Plätzchen vor sich, einem etwa Sechzigjährigen distinguiert wirkenden Mann gegenüber.
„Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für mich nehmen!“, sagte Rylee und warf einen Blick auf die Aktenberge auf dem Beistelltisch.
„Es hat sich dringend angehört“, erklärte er freundlich und beugte sich vor. „Erzählen Sie mir, was passiert ist.“
Und Rylee erzählte.
Möbius hörte ihr aufmerksam zu, ohne sie ein