2Oktober2016
Unsere Zimmer sind genau gleich groß. Und wir haben jeder unser Spielzeug.
Bei mir sind es alte Armbanduhren ausgestorbener und wieder zum Leben erweckter Marken, deren Namen angenehm nach dem industrialisierten Frankreich klingen – Lip, Yema, Baltic oder Jaz.
Ich bewahre sie sorgsam in ihrem Kasten auf und trage sie jeweils passend zur Gelegenheit. Rallygraf, Aquascaphe, Nautic-Ski, Jazistor – jede die ums Handgelenk geschnallte Verheißung eines Abenteuers.
Bei ihm ist es ein Berg von Autos, Plastikfiguren und Knetmasse. Insbesondere besitzt er eine Sammlung von Baumaschinen, die jeden Polier vor Neid erblassen lassen würde.
Ich bin stundenlang durchs Internet gesurft – eine wahre Odyssee –, um die Modelle für ihn auszusuchen. Nachdem ich zahlreiche Blogs und Käuferbewertungen konsultiert hatte, fand ich eine japanische Marke, die die genauesten und teuersten Nachbildungen herstellt. Ich kaufe sie in rauen Mengen, nicht nur, um ihn zu verwöhnen, auch zu meinem eigenen Vergnügen.
Ich bin sechs Jahre alt, habe das Gehalt eines Erwachsenen und möchte das ganze Spielzeuggeschäft. Mit vollbeladenen Armen komme ich nach Hause und lege mich in meinem Zimmer auf den Teppich, um zu spielen. Damit kann ich Stunden, ganze Tage zubringen. Mein Vater ruft mich zum Abendessen.
Unsere ersten Wochenenden nach dem Einzug verbrachten wir in Möbelgeschäften, um die Stücke zu ersetzen, die nicht in die Wohnung gepasst hatten, und um die Lücken zu füllen, die der zusätzliche Raum ließ.
Ich wollte, dass es bewohnt aussähe, dass wir trotz allem einer Umgebung unseren Stempel aufdrückten. Denn das, fand ich, sei gut für einen Vater und seinen Sohn. Ich dachte an die geschiedenen Männer, die ihre Wohnungen einrichten, um ihre Kinder zu empfangen. Die Möblierung muss eine beruhigende Geschichte erzählen:Papa geht es gut. Hier wird es auch euch gutgehen.
Also hängte ich Fotos von uns an die Wand. Ich war zu feige, um wieder tief in die Kisten zu greifen, ich nahm, was obenauf lag. Dazu gehörten die Bilder von unserer ersten Begegnung, unseren Reisen, von Geburtstagen, von unserer Hochzeit, der Schwangerschaft und der ersten Zeit mit Melvil.
Ich habe eins der wenigen erwischt, auf denen wir alle drei zu sehen sind, auf dem Fest der Kinderkrippe. Melvil trägt noch den am Pulli festgeklippten Schnuller. Er ist pummelig. Rings um den Mund hat er Spuren des Schokoladenkuchens, den wir gebacken haben. Danach werden wir das schöne Wetter ausnutzen und in den Park gehen.
Auf einem anderen Foto sitzt er auf den Schultern seiner Mutter, wir gehen morgens auf den Markt. Sie ist fest entschlossen, selbst Kompott zu kochen, und er wird sich ebenso entschlossen weigern, es zu essen.
Und dann gibt es da noch das Bild, das wir in einem Kahn im Jardin d’Acclimatation aufgenommen haben. Ich habe meine Hand um seine Schulter gelegt, und er schmiegt sich so ängstlich an mich, als würde ihn das Objektiv gleich auffressen.
Ein letztes Bild zeigt meinen kleinen Bruder, meine große Schwester und mich als Kinder. Mein Bruder in seinem kanariengelben Poloshirt wird von zwei strahlenden zahnlückigen Lächeln eingerahmt.
Außerdem habe ich hier und da einige Gemälde ohne besonderen Wert aufgehängt, die Hélène von ihrem Vater geerbt hatte, Landschaften im niederländischen Stil, ihre ruhigen Szenen stehen im Kontrast zur Besorgtheit des Betrachters, der dieser Leere allein gegenübersteht.
Auf dem Bücherregal stehen Hüllen von Vinylplatten, die wir, mangels eines geeigneten Plattenspielers, nicht mehr hören. Sally, die nicht mehr tanzen kann und ihre Melancholie, die auch eine Sonnenbrille nicht zu verberge