: Christoph Cornelißen
: Neue Fischer Weltgeschichte. Band 7 Europa im 20. Jahrhundert
: S. Fischer Verlag GmbH
: 9783104024073
: Neue Fischer Weltgeschichte
: 1
: CHF 56.00
:
: Allgemeines, Nachschlagewerke
: German
: 704
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein faszinierendes Panorama der europäischen Geschichte vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis heute: Der renommierte Historiker Christoph Cornelißen erzählt fesselnd, wie sich Europa und die Welt in diesem Jahrhundert voller Umbrüche, das von gewaltigen Katastrophen ebenso wie von hochfliegenden Hoffnungen geprägt war, in rasantem Tempo veränderten. Die Europäer büßten nach 1900 zunehmend ihre globale Vorreiterrolle ein, suchten aber auch nach neuen Wegen der Selbstbehauptung. Christoph Cornelißen schildert den Durchbruch des modernen Nationalismus und Nationalstaats, den Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft sowie die großen Ideen und Utopien. Aus deren Wechselspiel entstanden enorm zerstörerische Kräfte, von den Burenkriegen um 1900 über die Weltkriege und den Holocaust bis zu den Kriegen im Jugoslawien der 1990er Jahre. Doch war das Versprechen politischer Teilhabe und sozialer Sicherheit nicht minder wichtig. Und so zeigt der Band, wie zentral die Demokratie für die Rolle Europas in der Welt ist - und warum es lohnt, sie zu bewahren.

Christoph Cornelißen, geboren 1958, ist Professor für Neueste Geschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Seit 2017 ist er Direktor des Istituto storico italo-germanico in Trient. Er ist überzeugter Europäer und lebte zeitweilig in Italien und in Schottland. Außerdem ist er Mitglied der Deutsch-Tschechischen und der Deutsch-Slowakischen Historikerkommission. Er lebt im Taunus.

Einleitung


ADie Weltregion Europa


An der Wende zum20. Jahrhundert befand sich Europa im Zentrum der Welt. Jedenfalls war das der Eindruck, den zeitgenössische geographische Karten vermittelten. Daten zum internationalen Handel oder zur Finanzökonomie untermauerten diese Sichtweise. Folgt man ihren suggestiven Angaben, dann bildete Europa nicht nur den Mittelpunkt verschiedener globaler wirtschaftlicher Netzwerke, sondern es übte über weite Teile der Welt direkt oder indirekt eine Vorherrschaft aus. Auch die Revolution im Verkehrs- und Kommunikationswesen trug ihren Teil dazu bei, dass solche Auffassungen zum Gemeingut breiter sozialer Schichten wurden. Die rasch expandierende Massenpresse sowie die noch junge Bildberichterstattung sorgten dafür, dass immer mehr Menschen Kenntnis von Vorgängen jenseits ihrer eigenen Lebensbereiche erhielten. Gleichzeitig transformierten die neuen Kommunikations- und Verkehrsnetze ebenso wie die Herausbildung globaler Produktionsketten die ganze Welt in einen Raum miteinander vernetzter und zugleich untereinander konkurrierender Regionen und Territorialstaaten, so dass überhaupt zum ersten Mal »von wahrhaft globalen Interdependenzen« gesprochen werden kann.[1]

Zeitgenössische Entwicklungen im internationalen Nachrichtenwesen können den Sachverhalt veranschaulichen. Schon seit den1860er Jahren hatte die Verlegung von Unterseekabeln sukzessive sämtliche Regionen der Welt untereinander verbunden, und in den folgenden Jahrzehnten wurden verschiedene europäische Städte – London, Paris, Wien und Berlin – zu bedeutenden Knotenpunkten der globalen Informationsübermittlung. Dass um1900 rund zwei Drittel des modernen Telegraphennetzes von britischen Unternehmen kontrolliert wurden, war ganz im Sinne einer globalen Strategie der politisch und militärisch Verantwortlichen im Empire. Denn wer die Herrschaft über den Transfer und Austausch von Informationen besaß, der hatte die Welt im Griff – so lautete ihre durchaus berechtigte Annahme, auf die sich später auch andere Länder beriefen.[2] Dafür bedurfte es einer genauen zeitlichen Taktung, und es war daher alles andere als ein Zufall, dass damals viele Experten die Notwendigkeit zu einer globalen Synchronisierung der lokalen Zeitsysteme erkannten. Auf internationalen Konferenzen in Washington (1884) und Paris (1912,1913) wurden Zeitnormen vereinheitlicht sowie weltweit gültige Standards vereinbart. Seither war die Welt im Takt.[3]

Die kulturellen und sozialen Konsequenzen des technologischen Fortschritts reichten weit. Die neue und so noch nie dagewesene Verdichtung und Beschleunigung der weltweiten Kommunikation bewirkten ein Schrumpfen menschlicher Erfahrungen von Zeit und Raum, während gleichzeitig die Relativitätstheorie die Vorstellung von der Existenz einer universal gültigen Zeit erschütterte, machte doch der Physiker und spätere Nobelpreisträger Albert Einstein schon im Jahr1905 auf die Abhängigkeit jedweder Zeit vom Standort des Beobachters aufmerksam.[4] Gewiss, diese Erkenntnis war zunächst nur wenig bekannt, aber für Vorstellungen von Europas Lage in der Welt sowie für die Grenzen seiner Binnenräume wurde sie in einer Phase relevant, in der für immer mehr Menschen die Weltregion im wahrsten Sinne des Wortes erfahrbar wurde – sei es real oder zunächst nur »virtuell«.

Verschiedene Trends im Nachrichtenwesen verdeutlichen dies. Schon um das Jahr1900 lenkten die internationale Presse- und Fotoberichterstat