Die Deutschen und der Ehrbare Kaufmann: eine eigenartige Liebesgeschichte
und wenn ihr halbweg ehrbar thut,
dann habt ihr sie all unterm hut
J. W. v. Goethe, Urfaust, V. 421–422
Oktober 2019. Der Hörsaal einer mittelgroßen deutschen Universität, die mit Recht stolz auf ihre handelshochschulischen Wurzeln ist. Der Personalberater und »Ethik-Experte« im Bund Deutscher Unternehmer Christoph Dyckerhoff spricht über »Die Werte des Ehrbaren Kaufmanns und die heutigen globalen Märkte«. Untertitel: »Ist Ethik noch ein Erfolgsfaktor?« Der Saal ist bestens gefüllt, die Stimmung gut. Dyckerhoff spricht mit vielen Beispielen und führt einen selbst produzierten Film vor. Darin fragt er Führungspersönlichkeiten mittelständischer Unternehmen aus der Region nach der Bedeutung von Ethik für ihre Unternehmensführung. Die vollkommen überraschende Antwort: ganz wichtig. Für alle.1
Vorträge wie dieser sind wieder häufiger geworden. Werteorientierung und Unternehmensethik produzieren nicht nur Publikum, sondern Bücher, Fortbildungen, Lehrstühle, Firmenabteilungen. Das ist erst einmal ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass auf Unternehmerseite ein Bedarf an Verantwortlichkeit und moralischem Handeln identifiziert worden ist. Schwierig ist dann unter Umständen nur, wie auf diesen Bedarf reagiert wird – nachhaltig oder mit Discounterstrategie, mit dem Ziel einer Veränderung oder als Selbstbestätigung des Status quo.
Zu dieser wirtschaftsethischen Konjunktur gehört ein weitverbreitetes Reden über den Ehrbaren Kaufmann und seine Kinderstube: die mittelalterliche Hanse. Meist ist das ein Reden, das sich vor allem im affirmativen Bezug auf sehr allgemeine Tugenden wie Aufrichtigkeit, Transparenz und Verlässlichkeit erschöpft und wenig danach fragt, wie diese Tugenden implementiert oder gar in ihren konkreten Handlungsausflüssen überprüft werden. Sozialethische Normen spielen keine wesentliche Rolle, es geht vor allem um Glaubwürdigkeit. Da liest man etwa die Weisheit, dass »die Haltung eines mit Bedacht agierenden Ehrbaren Kaufmanns« helfe, die Herausforderungen der Zukunft »besser zu meistern, aus diesen Vorteile zu generieren und negative Auswirkungen zu vermeiden«.2 Bedachtsamkeit verhilft also zu besseren Entscheidungen. An anderer Stelle braucht es einen »Doyen der deutschenPR-Szene« als Autorität, um die folgende tiefgreifende Einsicht mit wörtlichem Zitat zu belegen: »Wer arglistig täuscht, setzt seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel.«3 Der Ehrbare Kaufmann tue so etwas nicht. Er handele vielmehr »reflektiert, gibt Acht auf andere, wie beispielsweise die Mitarbeiter, und bedenkt die Folgen des eigenen Handelns. Dadurch erreicht er Stabilität und Frieden in der Gesellschaft – was dann auch wieder Nutzen für ihn selbst bringt.«4
Ehrbarkeit durch die rosarote Brille
In diesem Sinne ist der Ehrbare Kaufmann schlicht ökonomischer Kitsch. – Kitsch, das ist das Gegenteil von Analyse, ist Emotions- und Affektakkumulation. Kitsch kann, wie Adorno einmal gesagt hat, geradezu »dümmlich tröstend« wirken, weil man damit Profanes, Banales, Selbstverständliches verklärt.5 Alexander Grau hat unlängst eindringlich vor der Neigung zum »politischen Kitsch« gewarn