: Hiram Kümper
: Der Traum vom Ehrbaren Kaufmann Die Deutschen und die Hanse
: Ullstein
: 9783843723688
: 1
: CHF 21.70
:
: Regional- und Ländergeschichte
: German
: 544
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
In einer globalisierten Welt verkörpert die Hanse das Ideal vom verantwortlich handelnden Unternehmer nicht weniger als die Sehnsucht nach einer starken europäischen Wirtschaftsmacht. Doch was war die Hanse wirklich? 'Sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, dass wir bey Nacht ruhig schlafen können.' Mit diesen berühmten Worten übergibt der Ehrbare Kaufmann Johann Buddenbrook die Geschäfte an seinen Sohn. Nicht erst seit den Zeiten Thomas Manns ist die Hanse ein beliebter Erinnerungsort der Deutschen. Noch jede Generation hat sie als vermeintlich zeitgemäße Antwort für die Herausforderungen ihrer Gegenwart herangezogen. Aktuell erlebt das Ideal des Ehrbaren Kaufmanns eine beispiellose Renaissance. Doch was wissen wir tatsächlich von den hansischen Kaufleuten im Mittelalter? Wie dachten sie, unter welchen Voraussetzungen handelten sie? Hiram Kümper erklärt, warum uns die Hanse noch Jahrhunderte nach ihrem stillen Verschwinden fasziniert. Und er zeigt, wie uns die alte 'Seidenstraße des Nordens' helfen kann, die Wirtschaft Europas besser zu verstehen.

Prof. Dr. Hiram Kümper, geboren 1981 in Bochum, ist seit 2013 Professor für Geschichte des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit und hat seit 2019 die Carl-Theodor-Stiftungsprofess r an der Universität Mannheim inne. Bei Propyläen erschien sein vielbesprochenes Buch Der Traum vom Ehrbaren Kaufmann. 

Die Deutschen und der Ehrbare Kaufmann: eine eigenartige Liebesgeschichte

und wenn ihr halbweg ehrbar thut,
dann habt ihr sie all unterm hut

J. W. v. Goethe, Urfaust, V. 421–422

Oktober 2019. Der Hörsaal einer mittelgroßen deutschen Universität, die mit Recht stolz auf ihre handelshochschulischen Wurzeln ist. Der Personalberater und »Ethik-Experte« im Bund Deutscher Unternehmer Christoph Dyckerhoff spricht über »Die Werte des Ehrbaren Kaufmanns und die heutigen globalen Märkte«. Untertitel: »Ist Ethik noch ein Erfolgsfaktor?« Der Saal ist bestens gefüllt, die Stimmung gut. Dyckerhoff spricht mit vielen Beispielen und führt einen selbst produzierten Film vor. Darin fragt er Führungspersönlichkeiten mittelständischer Unternehmen aus der Region nach der Bedeutung von Ethik für ihre Unternehmensführung. Die vollkommen überraschende Antwort: ganz wichtig. Für alle.1

Vorträge wie dieser sind wieder häufiger geworden. Werteorientierung und Unternehmensethik produzieren nicht nur Publikum, sondern Bücher, Fortbildungen, Lehrstühle, Firmenabteilungen. Das ist erst einmal ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass auf Unternehmerseite ein Bedarf an Verantwortlichkeit und moralischem Handeln identifiziert worden ist. Schwierig ist dann unter Umständen nur, wie auf diesen Bedarf reagiert wird – nachhaltig oder mit Discounterstrategie, mit dem Ziel einer Veränderung oder als Selbstbestätigung des Status quo.

Zu dieser wirtschaftsethischen Konjunktur gehört ein weitverbreitetes Reden über den Ehrbaren Kaufmann und seine Kinderstube: die mittelalterliche Hanse. Meist ist das ein Reden, das sich vor allem im affirmativen Bezug auf sehr allgemeine Tugenden wie Aufrichtigkeit, Transparenz und Verlässlichkeit erschöpft und wenig danach fragt, wie diese Tugenden implementiert oder gar in ihren konkreten Handlungsausflüssen überprüft werden. Sozialethische Normen spielen keine wesentliche Rolle, es geht vor allem um Glaubwürdigkeit. Da liest man etwa die Weisheit, dass »die Haltung eines mit Bedacht agierenden Ehrbaren Kaufmanns« helfe, die Herausforderungen der Zukunft »besser zu meistern, aus diesen Vorteile zu generieren und negative Auswirkungen zu vermeiden«.2 Bedachtsamkeit verhilft also zu besseren Entscheidungen. An anderer Stelle braucht es einen »Doyen der deutschenPR-Szene« als Autorität, um die folgende tiefgreifende Einsicht mit wörtlichem Zitat zu belegen: »Wer arglistig täuscht, setzt seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel.«3 Der Ehrbare Kaufmann tue so etwas nicht. Er handele vielmehr »reflektiert, gibt Acht auf andere, wie beispielsweise die Mitarbeiter, und bedenkt die Folgen des eigenen Handelns. Dadurch erreicht er Stabilität und Frieden in der Gesellschaft – was dann auch wieder Nutzen für ihn selbst bringt.«4

Ehrbarkeit durch die rosarote Brille

In diesem Sinne ist der Ehrbare Kaufmann schlicht ökonomischer Kitsch. – Kitsch, das ist das Gegenteil von Analyse, ist Emotions- und Affektakkumulation. Kitsch kann, wie Adorno einmal gesagt hat, geradezu »dümmlich tröstend« wirken, weil man damit Profanes, Banales, Selbstverständliches verklärt.5 Alexander Grau hat unlängst eindringlich vor der Neigung zum »politischen Kitsch« gewarn