: Kai Maruhn
: Vogelhälse
: duotincta
: 9783946086475
: 1
: CHF 8.90
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 220
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein Sommertag beginnt. Ein Junge erwacht. Anstatt zu lernen, lauscht er den Lauten des Sommers, dem Gesang der Vögel, träumt von der Fahrt aufs Land, vom Garten seiner Großmutter - erinnert sich an die ersten zaghaften Umarmungen eines Mädchens ... Eine Zugreise beginnt. Die Rückreise des Jungen und des Mädchens, die als Erwachsene an die Orte ihrer Kindheit reisen. Die Erinnerung des einen verschwimmt in der Erinnerung des anderen, als gäbe es keine Zeit und keinen Raum mehr, nur noch die Verzauberung des Augenblicks ... Kai Maruhns Sommerkomposition gleicht einem impressionistischen Gemälde und erinnert auf eigentümliche Weise an die sprichwörtliche proustsche Madeleine.

Kai Maruhn wurde in Berlin geboren. Er studierte Rechtswissenschaften und Geschichte und arbeitete in unterschiedlichen, mehr oder weniger interessanten Jobs. Die 'Vogelhälse' haben eine ebenso unglaubliche, wie wahre Geschichte: Nachdem das erste Manuskript einem Hausbrand zum Opfer fiel, wurde der Laptop mit der zweiten Fassung gestohlen und fand sich erst Wochen später auf dem Grund eines Teiches in einem nahegelegenen Park wieder. Die dritte Fassung erscheint nun bei duotincta (und lagert bis dahin vorsorglich in etlichen Kopien auf mehreren Festplatten).

Höhen fällen


– Weißt du noch, die warmen Gräser?

– Das Liegen in den Wiesen.

– Schritte im Gras, die noch umrandet federn.

– Ich weiß noch, wie wir braungebrannt in den Wiesen lagen.

– Salzige Haut …

– und warme Lippen …

– und geschlossene Augen …

– helle Wimpern, die golden in der Sonne funkten.

– Ich erinnere mich an die Hohlwege, an die Gräser in den Fugen der Steine, an die Ferkel, die wir über die Heuböden jagten, an Heu, an trockenes, staubiges Heu, und ein böser Hofhund, der gar nicht böse war und still und brav und ganz unterwürfig tat, von unten so nach oben blickte mit großen, traurigen Augen.

– Ich erinnere mich an den Flughafen Tempelhof, an einen regnerischen Sommertag und das Flugfeld, wir liefen zu den Maschinen aus dem Halbrund heraus, und ich drehte mich, und alle Flugzeuge waren groß, und ich hatte es nie ganz verstanden, wie sie fliegen konnten, und ich war immer ganz aufgeregt, die Flüge durch die Wolken, durch dunkle Wolken, und dann den Himmel, den blauen, weiten Himmel hinter den Wolken, ich hatte dann immer das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein.

Sie lachte ein wenig, während sie das sagte.

– Die Sommer auf dem Land endeten nie, sie waren der Höhepunkt des Jahres, hell und warm…

– ewig das kristallklare Wasser, das Funken der Wellen, die mit Gischtkronen auf die Ufer rollten und in die sich wagemutige Kinder stürzten, in einem immerwährenden Traum, duftend von Tang und Salz unter dem ewigen Schreien der Möwen …

– die staubigen Wege, die Lehmerde und die Weiden, auf denen die Tiere standen und blökten und muhten, die Stacheldrahtzäune, durch die kribbeliger Strom zog, damit die Tiere einen Schreck bekämen und keinen Unsinn mehr machen konnten und schön dablieben, wo sie waren, …

– und die Esel, die wir in den Wegen mit reifen und überreifen Feigen fütterten, die waren ganz wild auf die Feigen, und mümmelten dann mit ihren mächtigen Backen und zerknarzten und kauten und malmten und stuppten mit den Nasen an unsere Ärmel, und meine Schwester und ich wollten immer die großen Köpfe umarmen und die weichen Nüstern streicheln.

– Die Wildgänse im späten Sommer, wenn sie sich sammelten und in ihren Formationen flogen, wie sie schon seit Jahrmillionen fliegen. Als Kind blieb ich i