Kapitel 1
»Das darf doch echt nicht wahr sein. Hey! Was ist denn Ihr Problem da vorne?«
Bea duldete keine Unpünktlichkeit. Umso mehr geriet sie an diesem Morgen ins Schwitzen, denn die Uhr in ihrem Auto sprang gerade auf 9:00 – und um Punkt neun Uhr begann jeden Morgen ihre Visite.
Nun war es natürlichihre Visite, weshalb sie sich eigentlich entspannt zurücklehnen durfte. Ohne sie würde schon niemand damit anfangen. Trotzdem tippte ihr rechter Fuß nervös auf das Gaspedal, während vor ihr der Besitzer eines klapprigen roten Kastenwagens offenbar vergebens versuchte, dem Parkautomaten ein Ticket zu entlocken. Er hing halb aus dem Fenster und versuchte, das Ticket aus dem Schlitz zu angeln. Bea drückte ungeduldig auf die Hupe. Der Fahrer drehte sich zu ihr um – und ließ das soeben ergatterte Parkticket fallen, während vor ihm die Schranke hochging.
»Das gibt’s doch nicht«, murmelte sie völlig entnervt. Sie ließ das Fenster ihres Wagens herunter und rief ihm zu: »Nun machen Sie schon! Andere Leute haben heute noch was vor!«
Er machte eine etwas unflätige Geste in ihre Richtung – sein Glück, dass kein Mittelfinger involviert war, dann wäre sie ihm durch die Windschutzscheibe an die Gurgel gegangen. Während also der Mann (knapp vierzig, schätzte sie, also weder jung noch alt, in ihrem Alter eben) sich aus dem Anschnallgurt und dem Wagen schlängelte, das Ticket auflas, wieder einstieg, sich anschnallte und sein Wagen endlich durch die Schranke rollte, wählte sie eine Nummer aus dem Kurzwahlspeicher.
»Stephanie? Ja, hier ist Bea. Es dauert noch fünf Minuten. Ich weiß, ich weiß. Eine Verkettung unglücklicher Umstände.«
Von denen dieser hübsche Kerl vor ihr nur der Letzte war. Ihr entging nicht, dass sein entschuldigendes Lächeln durchaus entwaffnend war, und ebenso wenig, dass er nun wirklich zügig ins Parkhaus des Klinikums einfuhr. Sie brauchte keine zehn Sekunden, um die Schranke hinter sich zu bringen, und stellte ihren Wagen auf den reservierten Parkplatz.
In Gedanken war sie immer noch nicht ganz bei der Sache, als sie das Gebäude betrat, statt der Aufzüge das Treppenhaus ansteuerte und dabei fast mit ihrem Kollegen Dr. Carsten Holler zusammenstieß.
»Nanu, die Frau Dr. Heinemann. Heute so spät?« Er konnte sich ein selbstgefälliges Grinsen nicht verkneifen. Seitdem Bea Chefärztin der Onkologie war und ihn bei der Ausschreibung um die Stelle ausgebootet hatte – seine Version der Geschichte – und er weiter das in seinen Augen jämmerliche Dasein als Chef der Notaufnahme fristete, hatte sie das Gefühl, dass er ihr ständig auflauerte und versuchte, sie bei ei