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Clara
»Das Shirt hat auf jeden Fall noch eine zweite Chance verdient!« Auf dem Ärmel prangte ein großer Schokoladenfleck, der beim Waschen nicht rausgegangen war. Ich strich mit der Hand über den samtig weichen Stoff und hatte schon eine Idee, was ich mit dem Shirt machen könnte. Zum Wegwerfen war es auf jeden Fall zu schade.
Sonja stellte eine dampfende Tasse vor mich. Ich legte das Shirt zur Seite.
Schon beim ersten Schluck von Sonjas Zimtkaffee spürte ich, dass heute, an diesem Samstag im Mai 2019, ein ganz besonderer Tag vor mir lag. Einer, der etwas Neues brachte. Da konnte mir auch der Morgennebel nicht die Stimmung vermiesen, der draußen vor dem Café Maier alles verhüllte, sodass man glaubte, allein in einer nassen und kalten Welt zu sein. Aber ich war nicht allein. Mir gegenüber saß meine Tante, und ich wartete darauf, dass sie mich wie immer anlächelte.
»Was für ein Desaster«, sagte sie stattdessen und trankeinen Schluck Melissentee. Tee am Morgen bedeutete nichts Gutes bei Sonja, normalerweise floss Koffein durch ihre Adern und brachte sie den ganzen Tag zum Lachen.
»Nein, kein Problem, ich glaube, ich schneide die Ärmel ab und ersetze sie durch farbige Volants oder Rüschen.«
»Das Shirt wird bestimmt wunderschön, aber schau dich doch mal um!«
Im Café herrschte gähnende Leere.
»Nur weil uns die Kundinnen nicht von Anfang an die Bude einrennen, ist unser Nähcafé kein Desaster, sondern immer noch ein Traum, der wahr geworden ist.UnserTraum vom gemeinsamen Nähen und Gästebewirten!«
»Deinen jugendlichen Optimismus hätte ich auch gerne.«
Irgendetwas stimmte nicht. Sonja war keine Frau, die ständig rumjammerte.
»Seit wann hältst du dich für alt? Erst gestern hat der Buchhändler von der Sanderstraße geglaubt, wir wären Schwestern.«
Das passierte oft – allein schon wegen der auffallend roten Locken, die wir beide hatten, den Sommersprossen und der geringen Körpergröße, und normalerweise schmeichelte ihr das. Sonja war die jüngste Schwester meiner Mutter Jutta und nur elf Jahre älter als ich.
»Und, hat er sich was nähen lassen?«, konterte sie.
»Nein.« Automatisch blickte ich in mein Nähzimmer hinüber, das hinter dem Café lag. In meiner Vorstellung steckten am Nähtisch die Frauen die Köpfe zusammen, Kreativität ließ die Luft vibrieren, und gemeinsam wurden tolle Projekte umgesetzt.
Aber leider existierte diese Vorstellung nur in meiner Fantasie. Enttäuscht löffelte ich die Zimtsahne aus meiner Tasse.
»Wir hätten das CaféSehnsucht nennen sollen«, meckerte sie weiter und trank ihren Tee aus. »Sehnsucht nach Kunden.«
»Ach komm, Sonja, wer geht bei diesem Nebel schon vor die Tür. Bei dir im Café ist es doch immer voll.«
»Und bei