: Lucy F. Jones
: Die Wurzeln des Glücks Wie die Natur unsere Psyche schützt
: Karl Blessing Verlag
: 9783641264406
: 1
: CHF 17.00
:
: Gesellschaft
: German
: 320
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Natur versetzt uns in Staunen. Sie inspiriert, spendet Erholung, nimmt uns Stress. Was der Mensch immer schon tief in sich spürt, wird heute auch von faszinierender Forschung belegt.

Vom norwegischen Spitzbergen über die Urwälder Polens bis Kalifornien hat Jones eine neue Welt der Wissenschaft bereist, in der erforscht wird, wie die Natur unsere Psyche schützt - warum Dreck essen wirklich gesund ist, weshalb der Anblick natürlicher Formen unser Glücksgefühl beeinflusst und wie wir unsere Innenwelt friedlicher und erfüllter machen, indem wir mehr draußen sind.

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  • Wilde Wissenschaft: Wie wir in der Natur unsere psychische Gesundheit verbessern, Kraft schöpfen und Glück finden können.


Lucy Jones ist Journalistin und schreibt regelmäßig zu wissenschaftlichen Themen, Gesundheit, Umwelt und Natur u.a. für die BBC,The GuardianundThe Sunday Times. Ihr erstes Buch"Foxes Unearthed" (2016) über die Beziehung zwischen Mensch und Fuchs war für den Wainwright Prize nominiert und wurde mit dem Society of Authors' Roger Deakin Award ausgezeichnet, der für herausragendes Nature Writing vergeben wird. Jones lebt und arbeitet in Hampshire, Großbritannien.

Eines Nachmittags im Spätsommer saß ich in meinem Garten am Rand eines Wildblumenbeets. Meine kleine Tochter betastete die vertrockneten Blüten und suchte in der Erde nach Regenwürmern. Im ganzen Garten hingen nun sirupfarbene Spinnen in ihren Netzen, deren gemusterte Hinterteile in der Sonne wie Juwelen glänzten. Obwohl es noch August war, schien es in Südengland bereits, als wäre der Herbst gekommen. Äpfel und Pflaumen fielen von den Bäumen, der Boden war marmeladenrutschig und voller Wespen, die Blätter verfärbten sich schon. Ich erklärte gerade, wo nachts der Igel aus seinem Versteck kam, um nach Käfern und Raupen zu suchen, da sah ich meine Tochter an und bekam ein ungutes Gefühl.

In sämtlichen Zeitungen las man von Dürren, Fluten, Wetterextremen und Hitzewellen, die manchmal die Prognosen der Wissenschaftler noch übertrafen. Was kam auf sie und ihre Generation zu? Das Klimachaos wuchs. Die Eiskappen schmolzen schneller als gedacht. Die Welt schien in Flammen zu stehen. Hier in England schienen die Jahreszeiten durcheinanderzugeraten – Herbst im August, Winter im März. Jeden Tag hörte man von einer weiteren vom Aussterben bedrohten Spezies. Mauersegler1, Schwalben2, Igel3, sie alle waren vom Aussterben bedroht. Würde es noch Primärwälder4 geben, und alte Eichen5, auf die sie staunend klettern könnte? Wie viele Vogelarten würden das traurige Schicksal von Spix-Ara, Weißwangen-Kleidervogel, Pernambuco-Zwergkauz und Dunkelkopf-Blattspäher6 teilen und noch in diesem Jahrhundert aussterben? Würde sie bei der starken Lichtverschmutzung, die 80 Prozent des Nachthimmels über Europa und denUSA betraf, jemals die Milchstraße sehen? Und wie würde sich diese von Wissenschaftlern als »biologische Auslöschung«7 bezeichnete Krise auf ihren Geist und ihre Seele auswirken, falls sie überhaupt überleben würde?

Etwa zu dieser Zeit las ich auch von einem deprimierenden Konzept, das derUS-amerikanische Autor, Ökologe und Schmetterlingsforscher Robert Pyle mit »extinction of experience« beschrieb: einem zunehmenden Mangel an Naturerfahrungen.8 Je weniger sich Kinder für die Natur begeistern, argumentierte er, desto weniger werden sich wiederum ihre eigenen Kinder der Natur verbunden fühlen. »Dieser Verlustkreislauf emotionaler Bindung beginnt mit dem Aussterben von uns bekannten Spezies, Ereignissen und Aromen in unserer unmittelbaren Umgebung; dieser Verlust führt wiederum zu Unwissenheit über die Artenvielfalt, also zu Entfremdung, Apathie und Gleichgültigkeit, was wiederum zu weiterem Aussterben führt.«9

Dieses Muster zeigte sich in meiner eigenen Familie. Meine Großmutter war ein wandelndes Lexikon, was die Natur und ihre Funktionsweise betraf. Meine Eltern kannten sich mit Vögeln, Blumen und Pflanzen aus, sie kannten ihre Namen, ihre Zyklen und Verhaltensweisen. Ich wusste ein wenig, vielleicht fünf bis zehn Prozent von dem, was sie wussten, und ich interessierte mich schon mehr für Flora und Fauna als die meisten meiner Freunde. Folglich würde die Verbindung meiner Tochter zur Natur noch schwächer ausfallen als mei