: María Sánchez
: Land der Frauen
: Karl Blessing Verlag
: 9783641260415
: 1
: CHF 9.90
:
: Biographien, Autobiographien
: German
: 192
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
María Sánchez ist Landtierärztin - ein körperlich sehr herausfordernder Beruf, der in ihrer Familie bisher nur von Männern ausgeübt worden ist. Als ihre Großmutter an Demenz erkrankt, stellt die junge Frau fest, dass sie von deren Leben und Alltag nichts weiß, anders als von dem ihrer Großväter, die für sie immer Vorbilder gewesen waren. Sánchez beginnt, ausgehend von ihrer eigenen Familie, die Geschichte der Frauen auf dem Land zu erforschen und zu erzählen - und so denen eine Stimme zu geben, die bisher keine hatten.

Poetisch und liebevoll beschreibt María Sánchez die bäuerliche Welt aus Sicht der Frauen, entdeckt, dass sich weibliche Lebenskonzepte und Interessen auf dem Land sich anders definieren als in der Stadt und schlägt eine Brücke zwischen diesen beiden Welten.

María Sánchez, geboren 1989, ist Landtierärztin, hat eine eigene Radiosendung und schreibt regelmäßig für spanische Online-Medien Texte zu Feminismus, Literatur und dem Leben am Land. Ihr Debüt, der GedichtbandCuaderno del campo, erschien 2017 und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. María Sánchez lebt in Córdoba.

Könnte es nicht sein, dass geerbte Gegenstände

die Umrisse unvollständiger Vertraulichkeiten sind?

Maria Gabriela Llansol

In den Häusern unserer Großeltern hängen überall Porträtaufnahmen. Sie beobachten uns auf Schritt und Tritt, und man hat den Eindruck, sie würden jeden Moment anfangen zu sprechen. Manchmal denke ich, sie sind viel zu schweigsam. Dann wieder lese ich einen leichten Vorwurf aus ihrem Blick. Ich bleibe gerne davor stehen und stelle mir vor, wie und warum diese Aufnahmen entstanden sind, wer die Kulisse, den Rahmen und den passenden Ort ausgewählt hat, sodass sie für immer wie eingefroren von ihrem Platz an der Wand auf uns herabblicken. Ein geradezu zeremonieller Akt, den wir nachfolgenden Generationen nicht mehr kennen. Heutzutage können wir jederzeit und überall Fotos von uns machen, doch haben sie nicht mehr den gleichen Wert und dieselbe rituelle Aura wie für unsere Ahnen. Sorgfältig arrangierte, mit Bedacht und Hingabe aufgenommene Porträts gibt es heute nicht mehr. Genauso wenig wie die berühmten Widmungen auf der Rückseite; da ist kein Platz mehr für die Vergänglichkeit, für den Gelbstich an den Händen, in den Gesichtern, den Ecken, der Landschaft. Wir, die Kinder des Fortschritts, bewahren unsere Fotos nicht länger in Alben oder alten Keksdosen auf, die einmal als Nähkästchen gedient haben und ihre Tage als Sammellager für Gesichter und Erinnerungen beschließen. Ein altes, gerahmtes Foto war früher wie ein Bruder, der am Leben der anderen teilhatte, der Blick blieb im Vorübergehen unwillkürlich daran haften, und manchmal verspürte man den Wunsch, es zurechtzurücken, es abzustauben, es zu berühren oder anzusprechen.

Unser Blick und alles, was damit zusammenhängt, hat sich ebenfalls von Grund auf gewandelt. Es genügt nicht mehr, auf die Wand zu schauen, um sich zu erinnern, denn ein neues Element hat sich zwischen das Papier und unseren Körper geschoben: die modernde Technik. Wir durchstöbern Apps, Medien, Tools, Computersysteme, um uns zu erinnern, wir brauchen dieses neue Medium, um unseren Vorfahren, die das alles nicht kannten, näherzukommen. Denkt man darüber nach, wird einem plötzlich die schmerzhafte Wahrheit bewusst. Von den Porträtierten auf den Fotos in den Häusern unserer Großeltern lebt niemand mehr. Geblieben sind nichts als leere Bilderrahmen.

Erst beim Tod von José Antonio, meinem Großvater väterlicherseits, dem Tierarzt, habe ich angefangen, vor den Fotos innezuhalten, die die Häuser der beiden Familien beherbergten. Da begannen die Fragen, die Angst, das Unbehagen. Wie konnte ich Tag für Tag einfach weitermachen, ohne das Leben meiner Vorfahren zu kennen? Das ist seltsam, denn es war nicht der erste Großvater, der starb. José, mein Großvater mütterlicherseits, war bereits gestorben, als ich sieben Jahre alt war. Nachdem er ein Leben lang geschuftet hatte, nahm ihm der Krebs plötzlich den Atem, wie bei einem frisch geborenen Welpen, der noch nicht schwimmen kann und in der Zisterne ertrinkt, klaglos, ohne aufzubegehren, ohne es zu begreifen. Ich war noch zu klein und habe es auch nicht begriffen. Die einzige Erinnerung, die ich an ihn habe, sind seine blutverschmierten Hände, wenn er im Patio seines Hauses die Hasen abhäutete. Das offene Hemd, das den Blick auf das weiße Unterhemd freigab, die mit einer Kordel zusamm