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Der Himmel drückte auf die frisch gedüngten Felder, die Erde war schwer und schwarz, sie hatte sich vollgesogen mit Regen, als hätte sie nach dem trockenen Sommer ihren Durst nicht stillen können und weiter und weiter getrunken, bis das Wasser silbrig schimmernd in den Furchen stand. Am Nachmittag war von Südwesten her eine Wolkenfront über die Felder gezogen und hatte das weite Land eng gemacht. Ich hatte den Kopf aus der Tür gesteckt und in den Himmel geschnuppert, die Würze des Sommers und die kristalline Kühle des Winters darin gefunden, dann hatte ich meine Laufschuhe angezogen und war losgelaufen.
Die Sohlen meiner Schuhe rollten auf dem Asphalt ab, hin und wieder sprang ich über eine Pfütze. Es war still hier draußen, nach dem Regen, so still, dass ich meinen Atem laut von mir stieß, um überhaupt ein Geräusch um mich zu haben. Ich lief meine übliche Runde durch die Niederungen der Seeve, über die schnurgeraden Asphaltwege, die auf den Feldern lagen wie ausgerollte Gurte und über die zu dieser Jahreszeit Trecker mit wippenden Güllewagen heizten, aufgeschaukelt durch die mannshohen, prallen Reifen, um die letzten Fuhren Jauche auszubringen. Auf meiner Stirn hatte sich ein kalter Film aus Schweiß und feuchter Luft gebildet – ich war außer Form, das spürte ich, und erleichtert, dass mein Körper bisher mitmachte. Bei den letzten Malen waren die Schmerzen im rechten Schienbein derart stark geworden, dass ich nach der Hälfte der Strecke nur noch gehen konnte.Shin Splints, ich hatte das später recherchiert. Doch heute schien ich einen guten Tag erwischt zu haben. Mein Atem wechselte von dem langsamen Ein- und Ausatmen in das schnellere, rhythmische Ansaugen und Ausstoßen von Luft, das mir das gute Gefühl gab, wie eine kleine, pfeifende Maschine zu funktionieren. Ich zählte die Atemstöße mit. Eins-zwei-drei, eins-zwei-drei, ein Rhythmus, auf dem ich besonders gut denken konnte, auf dem sich meine Gedanken wie von selbst zurechtrüttelten.
An der Bohlenbrücke, weit draußen auf den Feldern, sprang ich über zwei morsche Balken, die Seeve lag teerig in ihrem Bett. Bis vor Kurzem hatte der Mais hier drei Meter hoch gestanden, kilometerweise Biomasse, doch jetzt erstreckte sich vor mir nichts als die abgeerntete, vom Tragen und Gebären erschöpfte Erde. Hier draußen wurde der Weg langsam schlechter, der Asphalt war durchbrochen von Wurzeln und Grasbüscheln, schrundige Risse wölbten sich nach außen. Weiter hinten sah ich einen Punkt, kaum auszumachen im Dunst, ein blaues Etwas, das sich bewegte. Noch ein Jogger? Um diese Zeit? Eins-zwei-drei. Ich ging noch einmal die kommende Woche durch, die eine entscheidende Woche werden würde. Wenn ich den Pitch erst mal überstanden haben würde, dann. Wenn. Dann. Wenn erst. Dann. Dann endlich. Mehr wollte ich nicht. Mehr brauchte ich nicht. Wie oft hatte ich das schon gedacht, dieses Wenn. Manchmal hatte ich das Gefühl, nur noch in Wenn-Dann-Schleifen zu leben. Und wenn das Dann nie eintrat?
Behutsam beschleunigte ich das Tempo, denn langsam krochen die Schmerzen wieder vom rechten Spann hinauf, und ich hatte die zweite Hälfte der Strecke noch vor mir. War ich falsch gelaufen? Hatte ich den Fuß überlastet? War mein Körper nicht mal mehr in der Lage zu laufen, einfach nur zu laufen, wie es der Mensch seit Anbeginn seiner Zeit tat? Ich schaute mich um und fragte mich, ob es sich lohnte umzukehren oder ob ich die Strecke wie gewohnt weiterlaufen sollte. Ich rollte ab, ich hob den rechten Fuß, rollte ab, heben, abrollen, eins-zwei-drei, heben, abrollen, die Schmerzen ignorieren; ich wechselte vom Fersenlauf auf den Vorderfußlauf, doch das half nur kurz. Ich schaute mich noch einmal um, immer noch unschlüssig – es