: Richard Wagamese
: Das weite Herz des Landes Roman
: Karl Blessing Verlag
: 9783641262884
: 1
: CHF 2.70
:
: Erzählende Literatur
: German
: 288
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Als der sechzehnjährige Franklin Starlight herbeigerufen wird, um seinen Vater Eldon, den er kaum kennt, zu besuchen, trifft er auf einen vom Alkohol gezeichneten, dem Tode geweihten Mann. Die beiden machen sich auf den Weg durch das raue Herzland British Columbias und auf die Suche nach einer letzten Ruhestätte, wo Eldon nach Art der indianischen Krieger beerdigt werden will.

Auf der Reise erzählt der Vater dem Sohn seine Lebensgeschichte, die Momente der Verzweiflung genauso wie die Tage der Hoffnung und des Glücks - und so entdeckt Franklin eine Welt, die er nicht kannte, eine Geschichte, die ihm fremd war, und ein Erbe, das er hüten kann.

Mit einem Nachwort von Katja Sarkowsky, Professorin für Amerikanistik an der Universität Augsburg.

Richard Wagamese, geboren 1955 im Nordwesten Ontarios, gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern Kanadas und indigenen Stimmen der First Nations. Er veröffentlichte 15 Bücher, für die er vielfach ausgezeichnet wurde, u.a. mit dem Publikumspreis des Canada-Reads-Programms des staatlichen Rundfunks für den Roman"Der gefrorene Himmel", dessen von Clint Eastwood produzierte Verfilmung ebenfalls preisgekrönt wurde. Als Kind von seinen Eltern getrennt, aufgewachsen in Heimen und bei Pflegefamilien, die ihm eine Beziehung zu seinen indigenen Wurzeln verboten, wurde Wagamese erst im Alter von 23 Jahren wieder mit seiner Familie vereint. Er ließ sich in Kamloops, British Columbia, nieder, wo ihm später von der Thompson Rivers University die Ehrendoktorwürde verliehen wurde. Richard Wagamese verstarb im Jahr 2017.

1

Er führte die alte Stuteaus dem Pferch und zu einem Tor, das sich hinaus auf die Weide öffnete. Letzte Nacht hatte es gefroren, und sie hinterließen Spuren im Raureif. Er schlang die Leine um die mittlere Zaunlatte, machte kehrt und ging zum Stall, um Decke und Sattel zu holen. Die Spuren sahen im feucht schmelzenden Frost wie Tintenkleckse aus, und einen Augenblick blieb er stehen und versuchte, darin Szenen zu entdecken. Er war eigentlich kein Träumer, ab und zu jedoch tat erso, als wäre er einer. Jetzt aber sah er bloß das welke Gras und denMatsch der Weide, schüttelte den Kopf über diese Spinnerei, durchquerte den Pferch und trat durch das schwarz gähnende Stalltor.

Der Alte melkte die Kuh, wandte sich um, als er ihn kommen hörte, und spritzte einen Strahl Milch in seine Richtung.

»Dein Frühstück«, sagte er.

»Hab schon gegessen«, sagte der Junge.

»Ist besser, direkt aus der Zitze.«

»Gibt bessere Zitzen.«

Der Alte lachte meckernd und melkte weiter. Der Junge blieb eine Weile stehen und sah zu, doch als der Alte zu pfeifenanfing, wusste er, das Gespräch war zu Ende, und so ging er in dieSattelkammer. Es roch nach Leder, Pferdesalbe, staubtrockenemFutter, darunter lag ein schwacher Gestank von Schimmel und Mist. Er atmete die Luft tief ein, zerrte den Sattel vom Halter, warf ihn sich über die Schulter und zog die Decke vom Hakenneben der Tür. Er trat in den Flur, wo ihm der Alte mit demMilcheimer entgegenkam.

»Hast du genug Mäuse?«

»Ein paar«, sagte der Junge. »Reicht.«

»Reicht nie«, sagte der Alte und stellte den Eimer ins Stroh.

Der Junge schaute über die Schulter des Alten zur Stute, die am frostigen Gras beim Zaunpfahl knabberte. Der Alte nestelte sein Geldbündel aus der Tasche und kniff im Halbdunkel die Augen zusammen. Er zählte raschelnd ein paar Banknoten ab und hielt sie dem Jungen hin, der mit den Füßen im Stroh scharrte. Der Alte wedelte mit den Scheinen, und schließlich griff der Junge danach.

»Danke«, sagte er.

»Kannst mal was im Diner essen, wenn du in die Stadt kommst. Besser als der Fraß, den ich koche.«

»Ist aber auch gut, dein Fraß«, sagte der Junge.

»Ist ganz in Ordnung. Ich bin mit Hafergrütze und Schmalzbrot groß geworden. Wir haben immerhin Schinkenspeck, und mein Fladenbrot ist auch nicht schlecht.«

»Das Karnickel gestern Abend war auch richtig gut«, sagte der Junge und steckte das Geld in die Brusttasche seiner Flanelljacke.

»Das wird dich eine Weile auf den Beinen halten. Er ist krank. Das weißt du, oder?« Der Alte sah ihn streng an und schob das Geldbündel wieder in die Brusttasche seiner Latzhose.

»Hab ihn schon krank gesehen.«

»Aber nicht so.«

»Ich komm damit klar.«

»Musst du auch. Wird kein schöner Anblick sein.«

»Sicher nicht. Aber er ist mein Vater.«

Der Alte schüttelte den Kopf und bückte sich nach demMilcheimer. Als er sich wieder aufrichtete, schaute er dem Jungen direkt in die Augen. »Nenn ihn, wie du willst. Aber s