ISA 2014
Der Sommer war schwül und zeigte seine Gewitterseite. Meine Nächte waren unruhig, was vor allem an der Kürze der Schlafphasen lag. Ich hatte einen inneren Wecker, der irgendwo zwischen Herz und Lunge saß und ansprang, sobald ich im Begriff war einzuschlafen. Im Traum war ich immer unterwegs und in Eile, weil ein Zug, ein Bus oder ein Flugzeug erreicht werden mussten. Doch heute Nacht hatten mich nicht Fluchtträume aus dem Schlaf gerissen; nicht der reale Sturm, der jetzt deutlich hörbar an den Jalousien rüttelte; auch nicht die Scheinwerfer, die wild vor dem Fenster kreiselnd Antwort erhielten von der Sturmwarnleuchte der gegenüberliegenden Insel.
In dieser Nacht, als der Wind endlich kühlere Luft durchs offene Fenster ins Zimmer ließ, war das Aufwachen mit einem körperlichen Schmerz verbunden. Ich konnte mich nicht bewegen. Meine gesamte Haut spannte und tat höllisch weh. Eine enorme Kraft hielt mich fest. Der Schmerz hing mir noch an, leise stechend, als ich längst aufgestanden war, herumlief, verzweifelt im Schlafnebel danach suchte, was ich denn genau geträumt hatte und was diesen körperlich in jeder Nervenfaser so spürbaren neuartigen Schmerz verursacht haben könnte. Aber ich kam nicht darauf. Es blieb schwarz in meinem Nachtgedächtnis, und ich gab auf, nach Bildresten zu suchen.
Als der Sturm abgeklungen war, trat ich hinaus auf den Balkon und besah mir den Schaden. Der gewaltige Riss im Himmel hatte sich geschlossen, aber die Wolken waren immer noch stark in Bewegung. Sogar die Morgensonne erschien für eine Sekunde und tauchte das Café und die Parklandschaft des Seegartens mitsamt dem ozeanartig weitem Wasser dahinter in zitronengelbes Licht. Die Stahlseile um die Kaffeehausbestuhlung hatten gehalten. Das Unwetter hatte aber alles umgeworfen, was unbefestigt gewesen war. Umgekippte Blumentöpfe rollten hin und her. Sogar einige der schweren Ständer, deren Sonnenschirme täglich mit einer Kurbel hochgezogen wurden, hatte es umgehauen. Wie Leichen lagen sie am Boden.
Ich hatte mich von der Sturmnacht gerade wieder erholt, als Gustav anklingelte. Während ich Espresso machte, räumte er die vielen Fotos und Unterlagen auf meinem Tisch beiseite.
»Ist das Dora?«, wollte er wissen, während er einen Bildstreifen hochhielt. Wie hereingeschneit aus einem sibirischen Winter wirkt sie darauf, mit Pelzkragen und einem weißen Schal. Eine einzelne Locke kräuselt sich am rechten Ohr. Sie guckt zur Seite. Ihr Grübchen ist hier besonders ausgeprägt, weil sie in diesem Moment wirklich bezaubernd lächelt.
»Fotoautomat«, sagte Gustav.
»Ja«, antwortete ich.
Eine Photomaton-Kabine, wie sie seit 1925 in Warenhäusern wie dem Essener Althoff aufgestellt wurden, musste es gewesen sein, in der Dora sich hatte ablichten lassen. Vermutlich waren es die Spontaneität und Doras spürbare Lust an dem versprochenen Schnellfotowunder, was mir so daran gefiel. Sicher war es noch zu Beginn ihrer Kunstschulzeit entstanden, in der ich mir Dora am glücklichsten dachte.
Gustav griff nach den vielen Fotografien aus den Jahrzehnten danach: Dora allein oder mit ihrem Ehemann, beim Wandern, beim Picknick oder zusammen mit ihren ordentlich zurechtgemachten Söhnen.
»Diese Hüte!«, sagte er.
»Sind doch sehr fantasievoll«, sagte ich.
»Sie wirkt zufrieden«, sagte Gustav.
Dora war eine elegante Frau mit einer auffällig hohen, jederzeit in Gänze sichtbaren Stirn. Bis auf die rebellische Kürzesthaarphase in Essen hatte sie stets Naturwellen, die aber oft wie zusätzlich mit dem Brenneisen onduliert wirkten. Und es stimmt, sie sieht auf fast allen Fotografien zufrieden aus. Sie lächelt oft und scheint entspannt.
Doch ich fand auch Aufnahmen aus späteren Jahren, auf denen sie nachdenklich wirkt, immer mit etwas in der Hand, als wäre sie kurz vor dem Aufbruch in ein anderes Leben. Es ist der gleiche Ausdruck, den Beerwald eingefangen hatte, als er sie porträtierte.
Zum Abschluss zeigte ich Gustav einen Schnappschuss, auf dem die ganze Familie zu sehen war: Dora, sichtlichälter, mit schlichtem weißem Pullover unter einem Blazer. Mein Vater, fünfundzwanzig Jahre jung, schon examinierter Jurist, gut aussehend in Sakkoüber weißem Hemd. Daneben Rudolf, sein Bruder. Und: Doras Ehemann Max, mit Hut und Anzug und einem Gewehr im Anschlag. Die Augen hat er zusammengekniffen, den Kopf an den Gewehrgriff gedrückt. Konzentriert nimmt er Maß auf Kimme und Korn. Das Foto entstand auf einem Volksfest in den bundesrepublikanischen Fünfzigern, ein Ausgehtag.
»Warum hält Doras Mann hier ein Gewehr in der Hand?«, fragte Gustav in das Brodeln des Espressos hinein.
»Weil er an einer Schießbude steht und das Foto gemacht wurde, als er traf«, sagte ich und goss die schwarze Flüssigkeit in die kleinen Tässchen.
»Sieht heftig aus, wie er da mit dem Gewehr auf uns zielt.« Gustav nahm Zucker und viel Sahne und rührte lange.
Ich hatte mir diese Jahrmarktszene auf dem Foto oft vorgestellt.
»Mach du«, will Max seinenÄltesten, meinen Vater,überreden. Der weicht zurück, steif in der Bewegung, er ist uneins mit sich, fixiert das Ziel aber genauso jägerhaft wie Max: eine Scheibe, deren Treffer der Auslöser einer Kamera ist. Nur wenn der Schütze trifft, gibt es für diesen als Gewinn das Polaroid des Schützen in Aktion und aller, die zufällig neben und hinter ihm stehen.
Der Schießbudenbesitzer wartet geduldig. Es ist Mittag, frühherbstlau und leicht bewölkt. Die Blaskapellen haben schon Stellung bezogen, von den Weinwiesen ziehen die immer gleichen Tonfolgen z