: Nelly Lewald
: Die kleine Puppenklinik Roman
: Blanvalet Taschenbuch Verlag
: 9783641259044
: 1
: CHF 2.70
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: German
: 320
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Um ihre Spielzeugklinik zu retten, wächst eine junge Puppenärztin über sich hinaus …

Lenas Puppenklinik in einem Münchner Hinterhof ist ein aus der Zeit gefallenes Kleinod. Hier schwelgen Erwachsene in alten Erinnerungen, und die Kinder aus der Nachbarschaft finden ihr ganz eigenes Paradies. Mit großer Freude behandelt Lena kranke Kuscheltiere und bringt Kinderaugen zum Leuchten. Nur ihr eigenes Leben und ihr privates Glück sind dabei immer zu kurz gekommen. Als der Besitzer des Grundstücks stirbt und eine chinesische Investorengruppe eine Luxussanierung plant, muss Lena sich entscheiden: Soll sie aufgeben oder um ihre Puppenklinik kämpfen? Mit viel Zuspruch und Unterstützung ihrer Kollegin Ekki, ihrer notorisch vorlauten Freundin Katja, dem charmanten Mateo und der achtjährigen Emma nimmt sie den Kampf auf – und dabei endlich auch ihr eigenes Leben in die Hand.

Nelly Lewald ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Kinder- und Jugendbuchautorin. Ihre Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit diversen Auszeichnungen prämiert. »Die kleine Puppenklinik« ist ihr Erwachsenendebüt und ihr erster Roman bei Blanvalet.

2


Kai Winter, ein hochgewachsener, attraktiver Mann mit ernstem Gesicht und ersten silbernen Strähnen im dunklen Haar, küsste seine kleine Tochter sanft auf die Stirn.

Schlaftrunken öffnete sie die Augen. »Igitt!«, protestierte sie kichernd und zog sich die Decke über den Kopf. Dann schnarchte sie übertrieben laut und stellte sich schlafend.

Kai musste lachen. »Raus aus den Federn, mein Schatz. Celine bringt dich heute zur Schule!«

Emma kämpfte sich augenblicklich unter der Decke hervor. »Aber du wolltest mich doch fahren!«, protestierte sie heftig, und Tränen traten ihr in die Augen. Ihr Mädchengesicht nahm einen verkniffenen Ausdruck an. Emmas langes dunkelblondes Haar stand ungezähmt in alle Richtungen ab. Sie sah aus wie die aufmüpfige kleine Schwester des Struwwelpeters.

Kai nickte bedauernd. »Ich weiß, aber mir ist ein Termin dazwischengekommen. Ich muss heute früher in die Arbeit als sonst.«

»Immer arbeitest du!«, sagte Emma mit kindlichem Vorwurf. »Nie hast du Zeit für mich. Das ist richtig gemein! Du hast mich überhaupt nicht mehr lieb.«

»So was darfst du noch nicht einmal denken!«, protestierte ihr Vater entgeistert. »Ich liebe dich und würde alles für dich tun, Emma!« In einem Punkt jedoch hatte seine kleine Tochter tatsächlich recht. Seit dem Tod seiner Frau stürzte Kai sich fast krankhaft in Arbeit. Ihm war vollkommen klar, dass es eine Flucht aus seiner nicht enden wollenden Traurigkeit war, wie eine Sucht, die verhinderte, sich den Tatsachen endgültig zu stellen. Und ihm war absolut bewusst, dass es langsam an der Zeit war, ein neues Kapitel zu beginnen, und doch: Alles in ihm versuchte exakt das zu verhindern. Obwohl seit Tinas Unfall ganze vier Jahre vergangen waren, hatte er ihren sinnlosen Tod nach wie vor nicht verwunden. Es war ihm ganz recht, dass es in seinem unglücklichen Leben nur noch das Büro und Emma gab. Er hatte keine Hobbys, kaum Freizeit und erst recht keine Freundin. Aber es war ein freiwilliger Entschluss, und Kai hatte sich in seiner vertrauten Traurigkeit eingerichtet.

Natürlich wusste er ganz genau, dass Emma sich sehnlichst eine Familie wünschte: Aber eine neue Partnerin kam ihm nicht in den Sinn. Keine würde Tina jemals ersetzen können. Außerdem hieße ein Neuanfang, aus dem selbst gebastelten Hamsterrad auszusteigen. Er musste unter Leute gehen, sein Schicksal am Schopf packen. Aber dazu fühlte Kai Winter sich einfach nicht in der Lage.

Kais Blick versank deprimiert in der Prinzessin-Lillifee-Bettwäsche seiner Tochter. Ohne dass er es bemerkte, hatte er seine Hände verzweifelt zu Fäusten geballt. Ein betrunkener Autofahrer hatte Tina von jetzt auf gleich aus dem Leben gerissen. Ein betrunkener Autofahrer hatte Emma zur Halbwaise gemacht und Kais Seele verwüstet. Seit dem frühen Tod seiner Frau war jede Lebensfreude in ihm verkümmert. Eine Zeit lang hatte ihm sein Hausarzt Tabletten verschrieben. Hochdosierte Zufriedenheit, die ihm vorgekommen war wie eine Lüge.

Prinzessin Lillifee lächelte ihn gleichgültig an. Für eine Sekunde schloss Kai müde die Augen, vertrieb dann aber seiner Tochter zuliebe die dunklen Gedanken. Emma war damals zu klein gewesen, um sich überhaupt noch an irgendetwas zu erinnern. Sein Schmerz war nicht ihr Schmerz, und sie hatte ein Recht auf eine unbeschwerte Kindheit. Also scheuchte er sie aus dem Bett, indem er sie sich schnappte und kitzelte. Emma kreischte laut auf.

»Ich arbeite so viel, weil i