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Wären meine Kinder bei mir gewesen, nichts von alldem wäre passiert. Ich wäre im Minivan bei verriegelten Türen und hochgekurbelten Fenstern sitzen geblieben. Genau wie der Notruftyp mich per Telefon angewiesen hatte.
Aber mein Mann Sam hatte die Grippe. Er hatte Audrey schon vor Stunden abgeholt, und Leo war zum Lernen bei einem Freund, also saß ich allein im Van.
Wie ich in tiefer Dunkelheit so vor mich hin fuhr, kam ich mir vor wie ganz allein auf der Welt. Regenschwere Wolken schoben sich vor den Halbmond, noch fielen nur vereinzelte Tropfen, aber bald würden sich die Schleusen öffnen. In der Rushhour wälzte sich in Santa Rosa ein stetiger Strom aus Eltern auf dem Weg zur Grundschule und aus Angestellten auf dem Weg zu ihrem Bürojob über die zweispurige Straße. Jetzt, einige Stunden später, lag die Straße hingegen beinahe verlassen da, was sowohl der Uhrzeit als auch dem Wetter geschuldet war. Widerwillig schaltete ich die Scheibenwischer an.
Nur ein paar Meilen von zu Hause entfernt klingelte mein Handy in meiner Handtasche. Ein Name erschien auf dem eingebauten Display des Minivans: Sam. Über Bluetooth hätte ich den Anruf leicht entgegennehmen können, doch ich ignorierte ihn. Nach einer Zwölfstundenschicht, in der ich mehrere Dollar in Münzen aus dem Magen eines Labradors gefischt hatte, war ich zu erschöpft für den nächsten Streit. In letzter Zeit schienen all unsere Gespräche mit denselben vier Wörtern zu beginnen:Ich liebe dich, aber …
Sam ließ es nur dreimal klingeln, bevor er aufgab.
In der plötzlichen Stille knurrte mein Magen. Es war das dritte Mal diese Woche, dass ich das Abendessen versäumt hatte, dabei war erst Mittwoch. Wahrscheinlich war das auch der Grund für Sams Anruf gewesen.
Ich liebe dich, aber deine Patienten kriegen dich mehr zu Gesicht als ich und unsere Kinder.
Das war ein beliebter Vorwurf.
Ich öffnete den Energydrink, der schon seit Tagen im Getränkehalter steckte, nippte daran und verzog das Gesicht. Wie konnte Leo dieses Zeug nur trinken? Ich war mir ziemlich sicher, dass eine Dose Katzenpisse besser geschmeckt hätte. Trotzdem trank ich ihn halb leer. Koffein war schließlich Koffein.
In einiger Entfernung kam zwischen Eichen und Immergrün das alte Krankenhaus in Sicht. Paulin Creek stieß im Süden an den Campus, dahinter befanden sich nur noch freies Feld und ein Polder. Da das Krankenhaus schon seit Jahren leer stand, hatte niemand einen Grund hier anzuhalten. Und doch glaubte ich zwischen den Gebäuden Bewegung auszumachen. Es prickelte mir kalt im Nacken. Ich schob es auf den Koffeinstoß. Derart abgelenkt, hätte ich beinahe die Gestalt übersehen, die quer über die Straße rannte. Ich zuckte auf meinem Sitz zusammen. Ein Reh? Nein, zweibeinig, also ein Mensch.
Als ich den Arm ausstreckte, um den Energydrink wieder im Getränkehalter abzustellen, zitterte meine Hand, sodass die Dose am Rand der Mittelkonsole hängen blieb. Sie sprang auf den Beifahrersitz, Flüssigkeit lief aus und sammelte sich um meine Handtasche. Für die Schimpf