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Die Sprungleiter kam ihm vor wie ein Weg, der sich nach oben schraubte, ins Unbekannte. Marco musterte sie lange, bevor er sich endlich entschloss, sie hochzusteigen. Verstohlen sah er sich um, um sicherzugehen, dass er wirklich allein war. Das klare tiefblaue Wasser unter ihm lag in der Abendstille vollkommen ruhig in seinem Becken wie ein Spiegel, der das hohe Deckengewölbe reflektierte. Der Chlorgeruch stieg Marco in die Nase, intensiv wie am ersten Tag. Es war noch keine Woche vergangen, seit er das Schwimmbad zum ersten Mal betreten hatte, und schon hatte er sich an den penetranten Geruch gewöhnt, der an Reinlichkeit und Regeln denken ließ, an Arbeit, die mit penibler Sorgfalt zu erledigen war. Als er den Fuß auf die erste Leiterstufe stellte, beschloss er, nicht auf seine innere Stimme zu hören, die ihm zuraunte, es lieber zu lassen: Er war doch nur der Putzjunge, der Hilfsarbeiter, und die Sprungbretter waren für die Athleten reserviert, für die Sprungchampions, die die Olympiade im Blick hatten.
Nach zwölf Stufen hatte er das Drei-Meter-Brett erreicht. Er blieb am Anfang der flexiblen Holzplanke stehen, die Hände fest um die eisernen Treppengriffe gelegt, die nackten Füße auf dem Stahlgelenk. Seine Kleider waren in der Umkleide zurückgeblieben, und er trug nur einen dunklen Baumwollslip. Was hatte ihn hier heraufgeführt? Und wie ging es jetzt weiter? Er wusste, dass nicht einfach nur Neugier ihn getrieben hatte oder die Lust zu erfahren, wie es sich anfühlte, hier oben zu stehen. Es war auch nicht der Reiz, die Vorschriften zu missachten, welche ihm den Zugang zu den Sprungbrettern untersagten: Nur das Wartungspersonal durfte hier heraufsteigen, meist sehr früh am Morgen, bevor die Sportler kamen, oder auch am Abend. Dann wurde kontrolliert, ob alles in Ordnung war: ob die Bolzen richtig saßen, die die Holzbretter fixierten, ob die Elastizität des Bretts für den Impuls beim Absprung stimmte, ob es vielleicht notwendig war, ein rutschhemmendes Material anzubringen.
Er wusste schon, was ihn heraufgeführt hatte: Es war das Erlebnis, das er wenige Tage zuvor gehabt hatte.
Er war ein wenig zu früh zur Arbeit gekommen und wollte gleich ins Schwimmbad gehen, um dort mit dem Putzen zu beginnen. Doch er hatte die Schwimmhalle noch nicht betreten, als er schon das Aufklatschen eines Körpers hörte, dann das typische Beben des Wassers nach dem Untertauchen und schließlich das beruhigende Plätschern, das anzeigte, dass der Kopf wieder aus dem Wasser kam, wie von einer mysteriösen Kraft getrieben. Zögernd verharrte Marco an der Schwelle und hörte, wie zwei Leute miteinander tuschelten. Dann das Geräusch von Schritten. Nasse, leichte Füße auf dem Boden, das Lachen einer Frau, das sich mit der Stimme eines Mannes mischte: »Komm, Virginia, wir versuchen’s noch mal …«
Als er durch die Tür in die Schwimmhalle lugte, sah er sie: ein junges Mädchen mit glatten blonden Haaren, blauen Katzenaugen und perfekt geschwungenen Wangenknochen unter der leicht gebräunten Haut. Er fühlte sich sofort unwiderstehlich zu ihr hingezogen, und es kam ihm so vor, als wäre sie aus einem immer wiederkehrenden Traum aufgetaucht, ihm so vertraut, als würde er sie längst kennen, auch wenn er sie in Wirklichkeit zum ersten Mal sah.
Das Mädchen namens Virginia stand unbeweglich auf dem Drei-Meter-Brett. Und auf dem Brett daneben, parallel zu dem ihren, stand ein junger Mann, groß und muskulös, mit kurzen braunen Haaren. Seine Augen schienen hinter zwei Sc