»Etwa die Hälfte des geernteten Tees kommt aus China und Indien«, erklärt meine Großtante, während sie in der Küche des Teegeschäfts ein Dutzend verschiedene Teesorten aufbrüht. In jeden der kleinen weißen Porzellanbecher, die vor den Dosen der jeweiligen Sorte aufgestellt sind, kommen exakt 2,86 Gramm der aromatischen Blätter. Anschließend werden sie mit kochendem Wasser aufgegossen und müssen fünf Minuten ziehen. Nur mit dieser Methode kann man verschiedene Tees überhaupt miteinander vergleichen, hat Tante Poldi mir erklärt.
»Dann beziehen wir noch Sorten aus Kenia, Sri Lanka, Indonesien, Japan, Argentinien und der Türkei.« Sie stellt die Kanne mit dem heißen Wasser beiseite und wirft einen Blick auf die Uhr. Bestimmt wäre das gar nicht nötig, weil ihr auch ihre innere Uhr Bescheid gibt, wann die Ziehzeit zu Ende ist. Wenn man so viele Jahre nichts anderes tut, als täglich Dutzende Tassen Tee zu kochen, muss das doch ins Blut übergehen.
»Wie viele Sorten hast du im Geschäft?«, frage ich. Ich will mich mit allen Bereichen des Teegeschäfts vertraut machen, mir Schritt für Schritt das gleiche Wissen aneignen, das sie und Steffi haben. Mir ist bewusst, dass es Jahre dauern wird, bis ich ihr Niveau erreicht habe. Umso wichtiger ist es, gleich damit zu beginnen.
»Etwa einhundertfünfzig.«
Ich stoße einen leicht verzweifelten Seufzer aus. »Einhundertfünfzig«, wiederhole ich und betrachte die zwölf Teetassen vor uns. »Vermutlich werde ich mir nicht einmal diese hier merken können.«
»Das macht nichts.« Tante Poldi tätschelt mir aufmunternd die Schulter. »Die Teesorten schmecken sowieso jedes Jahr ein wenig anders. Allein die Erntezeiten, die variieren können, haben einen großen Einfluss auf das Aroma. Tee ist und bleibt ein Naturprodukt, dessen Qualität und Geschmack nicht konstant sein können.«
Na toll! Im Klartext heißt das, selbst wenn ich mir die Charakteristika eines Tees eingeprägt habe, wird die Mischung im nächsten Jahr wieder anders schmecken. Einenever ending story sozusagen, womit es unmöglich ist, jemals alles über Tee zu wissen. Ich habe die dunkle Vorahnung, dass mein neuer Job meinen Geschmacksnerven so einiges abverlangen wird.
»Jedes Jahr im April trifft der Flugtee aus Indien ein.«
»Flugtee?«
Meine Großtante nickt. »Die erste Ernte, die auch First Flush genannt wird. Er wird besonders schnell von der Plantage nach Europa gebracht, damit seine edle Frische und das vollblumige Aroma nicht verloren gehen. Wir verkosten ihn und müssen dann schnell entscheiden, welchen wir ins Sortiment nehmen, sonst schnappen uns Teehändle