1. Kapitel
Oktober 1990 – Wiesbaden
Antonia bog in die von Laubbäumen gesäumte Werderstraße ein und blieb vor dem Haus mit der Nummer fünf stehen. Es war eines der typischen Gründerzeithäuser, wie es viele in Wiesbaden gab. Den ganzen Rückweg von der Schule hatte sie sich Gedanken darüber gemacht, wie sie ihrer Mutter die Fünf in Mathe erklären könnte. Schlechter Tag, Migräne, der Lehrer hatte das Thema im Unterricht nicht richtig besprochen. Sie wusste, dass ihre Mutter jede ihrer Ausreden durchschauen würde. Sie hatte schlichtweg zu wenig gelernt. Aber andere Dinge waren eben wichtiger gewesen. Elementare, unvorhersehbare Begebenheiten, die sie daran gehindert hatten, sich hinter ihre Bücher zu klemmen. Judith, ihre beste Freundin, die allerbester Freundin auf der ganzen Welt, um es genau zu sagen, war von ihrer großen Liebe Marco verlassen worden. Da konnte man sich doch nicht mit so etwas Profanem wie Wurzelrechnen beschäftigen. Nur leider war das jetzt schon ihre zweite Fünf in Mathe. Mama würde zetern, schimpfen, ihr Hausarrest verpassen, vielleicht sogar Telefonverbot. Das wäre die Höchststrafe. Zu Hause zu hocken war eine Sache, aber durch den Entzug moderner Kommunikationsmittel von der Außenwelt abgeschnitten zu sein, das war entsetzlich. Zuletzt hatte es diese Bestrafung allerdings nicht wegen einer verpatzten Note, sondern wegen einer exorbitant hohen Telefonrechnung gegeben. Antonia hatte die Hälfte der Rechnung von ihrem kläglichen Ersparten zahlen müssen, den Rest würde sie bis Weihnachten von ihrem Taschengeld abstottern. Zwei Mark jede Woche. Immerhin blieb genug für einen Kinobesuch, das Schwimmbad oder die Eisbahn übrig.
Trotz dieser strengen Erziehungsmaßnahmen liebte Antonia ihre Mama. Und sie wusste, dass nach dem Zetern und Schimpfen, nach dem großen Streit, der unausweichlich vor ihr lag, bald der Frieden wiederhergestellt wäre. Vielleicht holte Mama wieder das Schokoladeneis aus dem Gefrierschrank, sie setzten sich damit an den Küchentisch und löffelten es direkt aus der Packung. Sie könnte es ja gleich rausholen. Das wäre eine gute Idee, um dem Streit aus dem Weg zu gehen. Wortlos das Eis holen, zwei Löffel dazu und sich an den Tisch setzen. An der dummen Fünf ließ sich sowieso nichts mehr ändern, wozu also streiten und schimpfen.
Antonia beschloss, ihre Idee in die Tat umzusetzen und nahm die wenigen Stufen zur Eingangstür. Sie knarrte wie gewohnt, als sie sie öffnete. Im Treppenhaus empfing sie der übliche Geruch. Eine Mischung aus Bohnerwachs, Reinigungsmittel, Zigarettenrauch und gebratenen Zwiebeln. Ihre Wohnung lag im zweiten Stock rechts. Als sie dort ankam, öffnete sich die Nebentür und Frau Wagners Kopf tauchte auf. Frau Wagner war bereits siebenundachtzig und Witwe. Ihr Erwin war vor zehn Jahren verstorben. Das hatte sie ihnen gleich am Tag ihres Einzuges erzählt. An einem Herzinfarkt. Kinder gäbe es keine, dafür hatte