2007
Der Tag, der Julias Leben für immer verändern sollte, begann mit dem Kreischen einer Motorsäge. Julia hatte in der Nacht lange gearbeitet und war erst wenige Stunden zuvor ins Bett gegangen. Das Kreischen wurde lauter, drang schmerzhaft in ihren Kopf und verwandelte sich in das Klingeln eines Telefons. Sie hoffte, es würde wieder aufhören. Aber es hörte nicht auf. Schlaftrunken angelte sie nach ihrem Handy.
»Julia, bist du’s? Papa hier.«
Ruckartig richtete sie sich auf. Die Stimme ihres Vaters versetzte sie sofort in einen Alarmzustand. Er rief nie an, außer wenn etwas passiert war. Als ihre Großmutter gestorben war. Als Knolle, der Familienhund, überfahren worden war.
»Papa! Was ist los?«
»Kannst du bitte nach Hause kommen?«
»Was ist passiert?«
Ihr Vater blieb einen Moment stumm. Dann sagte er: »Dein Bruder ist … verschwunden.«
»Robert?«, fragte sie überflüssigerweise. Sie hatte nur einen Bruder.
Sie wusste, dass er zum Trekking nach Norwegen gefahren war, irgendwo in die Region Sognefjord. Allein, wie so oft auf seinen Reisen, mit Rucksack und Zelt. Er liebte es, in der Natur unterwegs zu sein, zu wandern, zu klettern, Ski zu fahren. Er war ein erfahrener Traveller, vorausschauend und vorsichtig. Nie wäre sie auf den Gedanken gekommen, dass ihm etwas zustoßen könnte.
»Was heißt denn … verschwunden?«
»Komm bitte nach Hause«, bat ihr Vater noch einmal. »Die Polizei ist da und will uns befragen.«
Wie in Trance zog sie sich an und fuhr zu ihren Eltern. Dort ließ sie die zahllosen Fragen der Beamten über sich ergehen, erzählte ihnen immer und immer wieder das wenige, was sie über ihren Bruder und sein Umfeld wusste.
Sie hatten sich in letzter Zeit selten gesehen. Er hatte sich kaum noch bei ihr gemeldet, und sie war meistens mit sich selbst beschäftigt gewesen. Jobs, Partys, Männergeschichten. Irgendwas war immer.
Sie wusste nicht, was er außerhalb der Arbeit machte, mit wem er sich traf, wer seine Freunde waren. Sie kannte nur die Mitbewohner in seinerWGund ein paar seiner Bekannten, denen sie dann und wann dort begegnet war. Sie wusste noch nicht einmal, ob ihr Bruder eine Freundin hatte. Ob er jemals eine Freundin gehabt hatte. Oder einen Freund.
Als Kinder hatten sie regelrecht aneinandergeklebt, die große Schwester und der kleine Bruder. Sie hatte ihn beschützt, er hatte zu ihr aufgeblickt. Sie hatte sich Spiele ausgedacht, er hatte folgsam getan, was sie von ihm verlangte. Er mochte es, wenn sie ihm Anweisungen gab, und sie übte sich darin, Befehle zu erteilen. Wenn Robert krank war, ging es Julia schlecht. Wenn Julia bei einer Freundin übernachtete, schlief Robert in ihrem Bett. Siamesische Zwillinge hatten ihre Eltern sie im Scherz genannt. Dabei lagen drei Jahre zwischen ihnen.
»Sie waren sich wohl nicht so nahe«, sagte die Polizistin, die sie befragte.
Wieso waren, dachte Julia. Er ist doch nicht tot, er ist nur gerade nicht auffindbar. Wie ein Gegenstand, den man verlegt hat und der plötzlich, in einem völlig unerwarteten Moment wied