Kapitel 1
Ein Jahr und neun Monate später
Was für ein hässlicher, beschissener Tag. Regen trommelt auf die Windschutzscheibe des ebenfalls beschissenen Autos meines Kollegen, es riecht nach kalten Fritten und Kiefernwald. Leon klopft mit den Fingerkuppen auf dem Lenkrad und beugt sich ein bisschen vor, damit er etwas sehen kann. Die Scheibenwischer bewegen sich bei maximaler Stärke hin und her, aber es regnet so stark, als hätte jemand den Himmel in der Mitte aufgeschlitzt und als würde nun ein Ozean herausfließen.
»Danke noch mal fürs Mitnehmen.«
»Gerne, jederzeit.«
Ich presse meine Lippen zusammen und inhaliere Kiefernwaldgeruch. Was auch immer Leon hier versprüht hat, bevor ich ins Auto gestiegen bin, es wird mich für den Rest des Tages begleiten. Ich weiß nicht sehr viel über ihn, es kann also gut sein, dass er eine Leiche im Kofferraum hat und dass dieses Waldspray den Geruch überdecken soll.
»Es regnet echt stark«, sage ich. Brandy konnte mich nicht mitnehmen, weil ihre Schwester sie schon früh abgeholt hat. Zach ist heute mit dem Motorrad gefahren, was er mittlerweile sicherlich bereut. Melissa hat mir zwar angeboten, mich zu fahren, man konnte ihr aber deutlich ansehen, wie sie gehofft hat, dass ich ablehne, was ich dann auch getan habe. Ich hasse mich selbst dafür, dass ich immer noch will, dass sie mich mag. Sie ist aus nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen sehr kalt zu mir, seit ich sie mit einem Freund meines Verlobten bekanntgemacht habe, der, wie sich herausstellen sollte, ein notorischer Fremdgeher ist. Sie denkt, dass Nicholas und ich das wussten und ihr Vertrauen in Männer absichtlich zerstören wollten.
»Ja, es soll die ganze Woche über regnen.«
»Das ist sehr schade für die Kids, die sich auf Halloween freuen.«
Leon schaut mich kurz an, bevor er den Blick wieder auf die Straße richtet. Oder auf das, was er von ihr sieht – ehrlich, ich weiß nicht, wie er es schafft, auf der Straße zu bleiben, denn ich kann nichts sehen. Nach dem, was ich erkennen kann, könnten wir gerade auch übers Feld fahren. Es ist Ende Oktober, und wir haben vier Grad. Letzte Woche hatte ich kurze Hosen an. Und in der Woche davor war es so kalt, dass es fast geschneit hätte. Der Herbst in Wisconsin ist immer ein riesiger Spaß.
»Gibst du ihnen Süßigkeiten?«, fragt Leon.
Eigentlich müsste die AntwortJa, klar lauten. Ich liebe Süßigkeiten, und ich liebe Kinder, vor allem unausstehliche kleine Jungs, weil ich sie so lustig finde. Den Herbst mag ich auch. Schon den ganzen Monat trage ich Lidschatten in schimmernden Kupfertönen, denn ich will, dass meine Augenlider glühen wie die untergehende Sonne, die schief über einem Kürbisbeet steht.
Der Boden in meinem Schlafzimmer ist ein Durcheinander an weichen Pullis, in denen ich mich fühle wie eine See-Kapitänin, kniehohen Stiefeln und unendlich langen Schals. Jede meiner Mahlzeiten enthält eine Spur Kürbisgewürz. Wenn ich Kürbis nicht esse, inhaliere ich ihn wie eine Abhängige – auf jeder freien Fläche im Haus stehen Kerzen, die nach Essen riechen. Apfelkuchen, Kürbiskuchen, Kürbis pur, Apfel-Kürbis-Mischung.
Auch optisch bin ich der absolute Herbsttyp. Das hat mir die Fra