: Álvaro Enrigue
: Jetzt ergebe ich mich, und das ist alles Roman
: Karl Blessing Verlag
: 9783641259075
: 1
: CHF 3.60
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: Erzählende Literatur
: German
: 560
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Janos, Mexiko, 1835: Als Apachen eine junge Witwe entführen, bekommt Leutnant Zuloaga den Auftrag, nach ihr zu suchen. In seinem Gefolge reiten unter anderem eine scharfschießende Nonne, ein alter Tanzlehrer und zwei ehemalige Gefangene aus dem Stamm der Yaqui. Als sie die Frau schließlich finden, machen sie eine verblüffende Entdeckung.

New York, 2017: Ein mexikanischer Schriftsteller hadert mit der amerikanischen Politik. Aus Angst, nach einem Besuch in seiner Heimat nicht mehr einreisen zu dürfen, verbringt er den Familienurlaub im Grenzgebiet zu Mexiko, wo sich einst Géronimo, der letzte Häuptling der Apachen, ergeben hat. Die Geschichte Géronimos wird zur Parabel für seine eigene, die Vergangenheit Amerikas zum Spiegel seiner Gegenwart.

Álvaro Enrigue, geboren 1969 in Guadalajara, studierte in Mexico City Kommunikationswissenschaften, lehrte anschließend Literatur des 20. Jahrhunderts und promovierte an der University of Maryland. Seit seinem 1996 erschienen Debüt »La muerte de un instalador« gehört er zu den wichtigsten iberoamerikanischen Gegenwartsautoren und gilt als der bedeutendste mexikanische Autor seiner Generation. Seine Werke sind preisgekrönt und wurden in viele Sprachen übersetzt. Zuletzt erschienen im Blessing Verlag »Aufschlag Caravaggio« (2015), »Jetzt ergebe ich mich, und das ist alles« (2021) und »Von Königreichen hast du geträumt« (2023). Álvaro Enrigue lebt in New York.

JAMES »DER DICKE« PARKER,

NOSTALGISCHER GENERAL, ZURÜCK IM FORT SAM HOUSTON

Am 31. März 1917 traf der Divisionsgeneral James Parker kurz nach Mittag im Fort Sam Houston am Stadtrand von San Antonio, Texas, ein. Zu jener Zeit nannte ihn, weißhaarig und mit Orden behängt, wie er war, schon keiner mehr »Dicker«.

Er hatte eine lange Bahnfahrt von Portsmouth, Rhode Island, hinter sich, wo er seinen Ruhestand verbrachte. Es war eine Rückkehr in die Landschaft seiner Jugend: Man hatte ihn gedrängt, den aktiven Dienst wiederaufzunehmen, nachdem Präsident Woodrow Wilson den Befehl erteilt hatte, in Mexiko einzumarschieren, um den revolutionären General Francisco Villa zu verfolgen, der ohne erkennbaren Grund den militärischen Grenzposten in Columbus, New Mexico, überfallen hatte. Jeder wusste, dass der Feldzug gegen Villa nur ein Vorwand war, um die Schlagkraft der gerade erst motorisierten Armee und ihrer Luftwaffe zu testen, die in Europa ausschwärmen würden, sobald der Kongress Preußen den Krieg erklärt hätte.

Auf dem Rücksitz des olivgrünen Ford, der ihn vom Bahnhof zum Stützpunkt brachte, fiel General Parker auf, dass die Leute in San Antonio, genau wie er, im Jackett waren. Er lächelte mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen zärtlich und melancholisch lag. Er trug seine mit Tressen besetzte, steife dunkelblaue Paradeuniform, weil er glaubte, das Ritual befolgen zu müssen, das die Ankunft an seinem neuen Posten verlangte, auch wenn die gnadenlos brennende texanische Sonne und die von Fluss und Sümpfen aufsteigende Schwüle für einen gerade erst von der Ostküste Angereisten kaum zu ertragen waren. Die Mischung aus Hitze, Feuchtigkeit und Uniform weckte in ihm das Feuer der Erinnerung, dessen Glut sich neu entfacht hatte, seit er die Depesche mit der Ankündigung erhalten hatte, dass er nach Fort Sam Houston zurückkehren müsse.

Die Hitze, sagte er zum Fahrer, der nervös war, weil er einen General chauffierte. Entschuldigung?, fragte dieser. Diese verdammte Hitze, sagte Parker noch einmal. Er hatte wieder diesen beißenden Geschmack im Mund wie damals während der Feldzüge auf Kuba und den Philippinen, als er das zwölfte New Yorker Infanteriebataillon angeführt hatte, um die letzte Glut des spanischen Reiches auszutreten, an dessen verbliebenen Rändern er sein Leben lang gekämpft hatte. Für uns ist das noch kühl, erwiderte der Chauffeur. Wenn Sie wüssten, wie heiß es hier im Juli oder August wird, würden Sie verstehen, warum Sam Houston von den Kadetten die Hölle genannt wird. Der General lachte. Das weiß ich, sagte er, ich war vor Jahren ein paar Wochen hier, aber für mich war es der Inbegriff der Zivilisation – ich komme aus Fort Bowie in Arizona. Uff, machte der Chauffeur, das wurde doch wegen Unmenschlichkeit geschlossen,right? Der General schloss die Augen, nahm die Schirmmütze ab, kratzte sich am Kopf. Es hatte auch seine Vorzüge, sagte er, Apache Pass ist der schönste Ort der Welt; und es stählte den Charakter; die Einsätze, auf die wir geschickt wurden, waren so hart, dass Fort Bowie bei unserer Rückkehr geradezu kühl und freundlich wirkte.

Der Ford hielt im ersten Innenhof der Befestigungsanlage, wo der zukünftige Sekretär des Generals ihn bereits in strammer Haltung erwartete. Nachdem er martialisch salutiert hatte, öffnete der junge Mann ihm den Wagenschlag. Der General erwiderte den Gruß wenig begeistert und stieg aus. Er setzte sich die Mütze wieder auf, strich seine dunkelblaue Uniformjacke glatt und klopfte dem Jungen ein paarmal auf den Arm – teils, um ihm zu bedeuten, dass er sich entspannen konnte, teils, damit dieser zur Seite trat und er zu seinem Büro gehen konnte, das er mit der Sicherheit eines Menschen betrat, der sich bl