2. Kapitel
in dem Charmain das Haus erkundet
Charmain starrte eine Weile den verlassenen Weg an. Dann knallte sie die Tür zu. »Was soll ich denn jetzt machen?«, fragte sie das leere muffige Zimmer.
»Ich fürchte, du wirst die Küche putzen müssen, meine Liebe«, antwortete aus dem Nichts Großonkel Williams müde, freundliche Stimme. »Es tut mir leid, dass ich dir so viel Wäsche hinterließ. Weitere Instruktionen findest du in meinem Koffer.«
Charmain warf einen Blick auf den Koffer. Großonkel Williams hatte ihn also absichtlich hiergelassen. »Gleich«, sagte sie zum Koffer. »Ich habe selbst noch nicht ausgepackt.« Sie holte ihre beiden Taschen und marschierte mit ihnen zur einzigen anderen Tür. Diese befand sich am anderen Ende des Zimmers; und nachdem Charmain versucht hatte, sie mit der Hand zu öffnen, mit der sie ihre Essenstasche trug, dann noch einmal mit derselben Hand, aber mit beiden Taschen in der anderen, und schließlich mit beiden Händen und mit beiden Taschen auf dem Boden, stellte sich heraus, dass die Tür in die Küche führte.
Einen Moment glotzte sie einfach nur. Dann schleppte sie ihre beiden Taschen über die Schwelle, ehe die Tür sich wieder schloss, und glotzte weiter.
»Was für eine Schweinerei!«, sagte sie.
Es hätte eine gemütliche, geräumige Küche sein können. Warme Sonnenstrahlen fielen durch ein großes Fenster, das hinaus auf die Berge blickte. Unglücklicherweise lenkte das Sonnenlicht die Aufmerksamkeit auf die gewaltigen Stapel von Tellern und Tassen in der Spüle, auf dem Abtropfbrett und auf dem Boden neben der Spüle. Die Sonnenstrahlen wanderten weiter – und mit ihnen Charmains bestürzter Blick –, um ihr goldenes Licht über die beiden großen Wäschesäcke auszugießen, die an der Spüle lehnten. Sie waren so vollgestopft mit Schmutzwäsche, dass Großonkel William sie als Abstellfläche für einen Stapel dreckiger Pfannen, Töpfe und dergleichen benutzt hatte.
Charmains Augen wanderten von den Säcken zum Tisch in der Mitte des Raums. Hier schien Großonkel William seine Sammlung von ungefähr dreißig Tee- und ebenso vielen Milchkannen zu verwahren – ganz zu schweigen von den Soßenkännchen. An und für sich genommen, war ja alles durchaus liebenswert, fand Charmain, bloß sehr gedrängt und überhaupt nicht sauber.
»Schätze, er war wirklich sehr krank«, sagte sie widerwillig in den Raum hinein.
Diesmal gab es keine Antwort. Vorsichtig ging sie weiter zur Spüle – sie hatte das Gefühl, dass dort irgendetwas fehlte. Sie brauchte einen Moment, um zu merken, dass es keine Wasserhähne gab. Wahrscheinlich lag dieses Haus so weit außerhalb, dass gar keine Leitung verlegt war. Draußen vor dem Fenster konnte sie einen kleinen Hof und in der Mitte eine Pumpe erkennen.
»Ich soll also rausgehen, Wasser pumpen, es reinholen … und dann?«, fragte Charmain. Sie blickte zum dunklen, leeren Kamin. Es war Sommer, folglich gab es auch kein Feuer oder irgendwas Brennbares in Reichweite. »Ich mache Wasser heiß, vermutlich in einem dreckigen Topf, und … Da fällt mir ein: Wie sollich mich eigentlich waschen? Kann ich denn nicht mal baden? Gibt es hier denn gar kein Schlafzimmer oder Bad?«
Sie eilte zu der kleinen Tür hinter dem Kamin und zerrte sie auf. Für alle Türen in Großonkel Willams Haus braucht man zehn Männer, um sie aufzustemmen, dachte sie ärgerlich. Fast konnte sie die Kraft der Zauber spüren, die sie geschlossen hielten. Dann bot sich ihr eine kleine Speisekammer dar. Auf den Regalen fand sich nichts als ein Butterkrug, ein alter Laib Brot und ein großer Beutel mit der mysteriösen AufschriftCibis Caninicus, der voller Seifenflocken zu sein schien. Und ganz hinten fand sie zwei weitere Wäschesäcke, genauso voll wie die in der Küche.
»Ich muss gleich schreien«, sagte Charmain. »Wie konnte Tante Sempronia mir das bloß antun? Wie konnte Mutter das zulassen?«
In diesem Augenblick der Verzweiflung fiel ihr als Ausweg nur das ein, was sie in Krisenmomenten immer t