: Miri Watson
: Meer ohne Mo
: duotincta
: 9783946086499
: 1
: CHF 8.90
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: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 256
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein Sozialhochhaus an der Küste. Eine Stelle in einem Obdachlosenasyl. Ein Neuanfang, der keiner werden soll, denn auch das Meer spült die Trauer nicht weg ... Mo ist tot, das bleibt ein Fakt. Nie wieder wird Svenja mit ihrem besten Freund auf der Brücke in ihrer Heimatstadt sitzen und Rauch in den weißen Himmel blasen können. Ein Trauerfall kennt keine Gesetze, keinen geordneten Ablauf, keine unabhängigen Richter, kein abschließendes Urteil. Trotzdem muss die Trauernde weiterleben, und an der Grenze zwischen Wasser und Land, in einem Wohnheim für Menschen ohne Raum, verschwimmen Traum und Wirklichkeit, Immanenz und Transzendenz. Svenja wird mit ihrer eigenen Leere konfrontiert - und verhandelt endlich ihren Fall.

Miri Watson kam 1992 auf die Welt und hat seitdem viel gelesen. Folgerichtig studiert sie jetzt Internationale Literaturen; außerdem Sprachen, Geschichte und Kulturen des Nahen Ostens in Tübingen. Sie schreibt für die Lokalzeitung und für diverse Magazine und moderiert eine Radiosendung beim Freien Radio Wüste Welle, in der es um Musik, Kultur und Politik geht. Sie mag Kaffee und ihr Kind und kann jegliche Formen von Herrschaft nicht leiden. Auch wenn viele das denken: Mit Sherlock Holmes hat sie nie zusammengearbeitet.

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»Das ist die goldene Arschkarte, die du da gezogen hast.«

So hat Marc auch vor mir schon alle Neuen begrüßt, es kommt ihm tiefsinnig vor, aber an meinem ersten Tag wusste ich das noch nicht.

»Das ist die goldene Arschkarte, Svenja, willkommen an Bord.«

Goldene Arschkarte. Wie passend, dachte ich, als Marc mir energisch die Hand schüttelte, nachdem er mich so willkommen geheißen hatte. Das Drecksloch hier und die Scheißarbeit, die mich erwarteten, und gleichzeitig die Ahnung: Hier, am Meer, da ist das alles irgendwie nur halb so schlimm.

Ich hatte Marc vorher nicht kennengelernt; meine schriftliche Bewerbung, ein aufgehübschter Lebenslauf und ein kurzes Telefongespräch mit seiner Freundin Jenny hatten gereicht, um ihn davon zu überzeugen, bei ihm arbeiten zu dürfen. Wahrscheinlich war es auch schon völlig ausreichend, dass ich mich nicht über den angebotenen Lohn und die angedrohten Arbeitszeiten beschwerte. Wahrscheinlich nimmt Marc sowieso jeden, weil es hier kaum jemand länger aushält.

Eigentlich hatte ich immer gedacht, dass ich es mal besser haben würde. Ich dachte, wenn ich nur genug lerne und meinen Arsch hochkriege, dass ich dann irgendwann keine Scheiße mehr fressen muss. Ist ja auch das, was alle zu dir sagen: Du kannst alles schaffen, du musst es nur wollen und/oder an dich glauben, dann wird schon alles paletti.

Deswegen habe ich mich jeden Tag aufgerafft, egal wie verkatert oder traurig ich war, hab mich auf die Klassenarbeiten und Abiprüfungen vorbereitet und so getan, als würde es mich nicht jucken, dass außer mir nur Rich Kids in meiner Klasse waren, die sich nicht mit Korn, sondern mit Gin Tonic abschossen und die in ihrer Freizeit Tennis spielten. Ich meine, Tennis, echt jetzt.

Aber außer mir; das stimmt so natürlich nicht. Mo war auch in meiner Klasse und Mo war der ganze Zirkus von wegen Markenklamotten und Shoppingtrips nach Mailand wirklich scheißegal. Er fühlte sich wohl in seiner Rolle als Outlaw, ließ manchmal sogar ganz gern den Assi raushängen.

»Du kannst nicht ändern, wo du herkommst«, sagte er hin und wieder, so als ob er sogar ein bisschen stolz darauf wäre.

Irgendwie haben die anderen ihn trotzdem in Ruhe gelassen. Ich glaube, dass Mo während seiner ganzen Schulzeit nie gemobbt worden ist, obwohl er immer die gleichen schmutzigen Sportschuhe trug, deren Sohlen sich lösten, und obwohl er so anders war, als alles, was sich die Schnösel aus unserer Schule überhaupt vorstellen konnten.

Ich denke nicht, dass die anderen Angst vor ihm hatten; vermutlich war es eher eine Ahnung, die selbst die Dümmsten unter ihnen irgendwie hatten, dass Mo in Wirklichkeit besser war, als sie alle zusammen, und deswegen ließen sie ihn in Ruhe. Vielleicht war er ihnen auch einfach scheißegal, so wie sie ihm scheißegal waren.

Für mich war das schwerer. Ich wollte schon irgendwie dazugehören und ich konnte nicht verstehen, wie Mo es einfach so schulterzuckend hinnehmen konnte, dass wir als diese verkackt-unterprivilegierten Leute aufgewachsen sind, die wir waren, und dass wir in engen Wohnungen groß geworden sind, anstatt in großen Häusern voller Pfannkuchenduft, und dass wir deswegen diese ganzen Chancen nicht hatten, die für unsere Mitschüler so selbstverständlich waren. Ich wollte schon irgendwie dazugehören, deswegen versuchte ich, nicht aufzuf