Ich würde gern behaupten, die Welt stand jetzt und hier – in diesem unfassbaren Augenblick – für einen Moment still und ich hatte die Chance, das Chaos vor mir, das sich mein Leben nannte, aus der Perspektive einer Außenstehenden zu betrachten. Aber so was passiert nur in Filmen.
In der Realität erhob meine Mutter sich gerade von ihrem über unseren Köpfen schwebenden Thron aus Wolken. Sie trat auf die oberste Stufe der kleinen Nebeltreppe davor und hob die Hände in einer fast andächtigen Geste. Langsam, gefühlt in Zeitlupe, begann sie diese zusammenzuführen.
Ein Wind kam während der Bewegung auf. Er strich über mein blutbesudeltes rosafarbenes Kleid mit der abgerissenen Schleppe und kündete von nichts Gutem. Nahm zu, je mehr sich die Fingerkuppen ihrer rechten Hand denen ihrer linken näherten.
Sie setzte zum nächsten magischen Schlag an.
Kalte Schauer jagten über meinen erschöpften Körper. Die flachen Ballerinas, die ich am Morgen für ein bisschen gemogelten Komfort angezogen hatte, kamen mir jetzt zugute. Ich war wie erstarrt. Der Schock über ihre Offenbarungen, ihre Magie und meine Herkunft, lähmte mich noch immer. Das bittere Gefühl ihres Verrats an mir hatte sich tief in meinem Herzen, den Gliedern und Knochen festgesetzt. Meine Welt stand kopf.
Unverwandt musterte ich die Frau, die mir all die Jahre so wehrlos und zerstreut vorgekommen war; die für mich nur eines symbolisiert hatte: meine Mutter. Schmerzhaft zog sich mein Magen zusammen, als mein Gehirn begann, mir ungewollt Erinnerungen an all die gemeinsamen Momente zu zeigen. Es war einBest of Josephine and Lanahaa Streisand. Meine Kindheit, meine Pubertät, meine Studienzeit bis zur Wahl zogen in einem verwischten Strom farbiger Schemen einst glücklicher Stunden an mir vorbei. Bis die Übelkeit in meinem Magen obsiegte und ich die Bilder im selben Bruchteil der Sekunde, in dem sie aufgeploppten, zusammen mit dem unguten Gefühl mental von mir schob.
Gebannt starrte ich nach oben, wartete nur darauf, dass sich die Fingerspitzen meiner Mutter berührten.
Immer näher und näher kamen sich die Hände.
Doch mit jeder weiteren Sekunde, die verstrich, wuchs in mir die Angst vor dem, was passieren würde. Meine Anspannung ließ den brennenden Wunsch entstehen, sie aufzuhalten. Mein Körper befand sich allerdings noch immer im Ausnahmezustand und reagierte nicht auf die Signale meines Geistes.Warum tat denn kein anderer etwas?
Meine Verzweiflung erreichte ein unerträgliches Maß. Gleichzeitig starrte ich gen Himmel.
Bunte Funken stoben auf, als Haut auf Haut traf. Gleißende Helligkeit hüllte den Platz einen Augenblick lang in eine Glocke aus purer Energie.
Es war Magie.
Reine Macht.
Sie erfüllte glitzernd die Luft – so wunderschön und tödlich.
Goldene Flecke färbten meine Netzhaut, verglimmten schwarz an den Rändern meiner Wahrnehmung und machten diese kurzzeitig unbrauchbar