„Frühling? Gab es überhaupt Frühling dieses Jahr?“, fragte der Mann mit der feschen, braunen Melone. „Ach, genau. Ich erinnere mich. Es war an einem Mittwoch, oder nicht?“
Diese Bemerkung erzeugte kicherndes Gelächter bei den Frauen, die in Giacomini’s Fine Foods Schlange standen. Der Sprecher war neben dem alten Mr. Giacomini hinterm Tresen der einzige Mann im Geschäft. Er überragte uns alle und seine Anwesenheit hatte für Aufregung gesorgt. Es war ungewöhnlich, einen Mann im Lebensmittelladen zu sehen, da Kochen Frauenarbeit war. Er war gut gekleidet, trug eine Jacke mit Pepita-Karos, weiße Gamaschen und gut polierte Schuhe, anders als die kleinen, runden Bauerntypen, die diesen Laden sonst aufsuchten, der in einem immer noch hauptsächlich italienischen Viertel südlich des Washington Square lag. Allerdings schien er ganz glücklich, sich am Geplauder zu beteiligen, während er darauf wartete, dass er an der Reihe war.
„Er hat recht“, sagte die Frau vor mir und nickte. „Ich erinnere mich nur an einen einzigen frühlingshaften Tag in diesem Jahr. In meiner Erinnerung hatten wir bis Mitte April heulende Stürme.“
„Und dann wurde es über Nacht heißer als in der Hölle“, beendete der Mann für sie.
Seine letzte Bemerkung erntete allgemeine Zustimmung, obwohl einige der Frauen ob seiner beinahe fluchenden Ausdrucksweise erschreckt Luft holten. Es war ein schrecklicher Frühling gewesen, gefolgt von einer Hitzeperiode, auf die wir nicht vorbereitet gewesen waren. Für gewöhnlich machte es mir nichts aus, in Giacomini’s beengtem, kleinen Laden Schlange zu stehen, in dem der Geruch von Gewürzen und Kräutern halb vergessene Kindheitserinnerungen wachrüttelte. Aber heute war es beinahe zu heiß zum Atmen und die Gerüche waren überwältigend, besonders wenn sie sich mit den nicht so angenehmen Gerüchen muffiger Ausdünstungen und Knoblauch vermischten.
„Es heißt, drüben auf der Lower East Side gibt es Typhus“, sagte einer Frau und senkte die Stimme.
„Sie würden mich nicht dort erwischen, selbst wenn es keine Epidemie gäbe“, murmelte eine andere Frau. „Gedrängt wie die Sardinen sind sie in diesen Mietshäusern. Und sie waschen sich nie. Geschieht ihnen recht, dass sie krank werden.“
Mr. Giacomini schüttete Zucker in eine dreieckige Papiertüte, drehte sie zu und reichte sie der Frau an der Spitze der Schlange. „Noch etwas, Signora? Das wären dann ein Dollar fünfzig, bitte.“
Geld wechselte den Besitzer. Die korpulente Dame lud die Einkäufe in ihren Korb und versuchte dann, sich durch den schmalen Mittelgang an uns vorbeizudrücken. Freundliches Kichern wurde ausgetauscht, weil enger Kontakt nicht vermieden werden konnte. Als jede Frau der Reihe nach versuchte, sich gegen Behälter und Regale zu drücken, sah ich etwas, das ich kaum glauben konnte. Dieser Mann hatte in den offenen Korb der Frau direkt hinter ihm gelangt und ihre Geldbörse genommen. Mein Herz begann zu rasen. Ich fragte mich, ob ich es mir nur eingebildet hatte und was ich als Nächstes tun sollte. Er war eindeutig zu groß und zu stark, um von einer von uns überwältigt zu werden. Die Schlange bewegte sich vorwärts. Die nächste Kundin machte ihre Einkäufe. Ich musste schnell handeln, sonst würde der Mann die Spitze der Schlange erreicht und den Laden verlassen haben, ehe die arme Frau bemerkte, dass ihre Geldbörse fehlte. Ich konnte nicht einfach dastehen und nichts tun. Das ging gegen meine Natur, obwohl ähnlich kühnes und leichtsinniges Verhalten mich mehr als einmal im Leben in Schwierigkeiten gebracht hatte. Ich lehnte mich zu der Frau hinüber und zog an ihrem Arm. Sie drehte sich um und starrte mich überrascht an.
„Dieser Mann hat gerade Ihre Geldbörse gestohlen“, flüsterte ich.
Sie sah mich skeptisch an, dann blickte sie in ihren Korb hinab.
„Sie haben recht. Sie ist weg“, flüsterte sie mit entsetzter Stimme zurück. „Sind Sie sicher, dass er sie genommen hat?“
Ich nickte. „Ich habe ihn gesehen.“
„Was soll ich tun?“ Sie drehte sich um und blickte an dem großen Kerl hinauf.
„Bleiben Sie, wo Sie sind. Ich hole einen Constable, dann haben wir ihn wie eine