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Bad Reichenhall, Dezember 1928
Montag, den 31. Dezember 1928
Große Sylvesterfeier im Berghotel auf dem Predigtstuhl
Es spielt die in München bekannte, rassige, 5 Mann starke Jazzband
Jolly College Boys
Unter dieser Ankündigung imGrenzboten und imBadeblatt stand fett gedruckt das Wort »Stimmung«, mit einem Ausrufezeichen, und dahinter die Zeiten für die Sonder-Berg- und Talfahrten der Seilbahn in der Silvesternacht und am darauffolgenden Morgen. Ein Tisch im Bergrestaurant konnte unter der Telefonnummer 80 reserviert werden, die Platzkarten für die Gondel unter der 152.
Neben der Anzeige machten zahlreiche Plakate in der Stadt Reklame für die Veranstaltung. Was im Nachhinein nicht nötig gewesen wäre, denn alle vorhandenen Plätze waren innerhalb weniger Tage reserviert.
Seitdem die Predigtstuhlbahn am ersten Juli ihren Betrieb aufgenommen hatte, ruhten die Hoffnungen der Hoteliers und Gastronomen auf der Großkabinenseilbahn. Würde sie für den dringend benötigten Aufschwung sorgen? Das anspruchsvolle und vor allem zahlungskräftige Publikum wiederbringen, das sich vor dem großen Krieg Saison für Saison ein Stelldichein im vormals Königlich Bayerischen Staatsbad gegeben hatte? Kurdirektor Thomas Fischer und Michael Schwarzenberg, die den Bau der Bahn in die Wege geleitet hatten, hofften auf eine neue Art von Gästen, auf Sportler, Wanderer und Naturfreunde. Und der Lobgesang, den die Weltpresse auf die ebenso sichere wie rasche Beförderung den Predigtstuhl hinauf angestimmt hatte, schenkte den Bad Reichenhallern Hoffnung. Am meisten vermutlich Karl Achleitner, dem Betreiber des Berghotels, der ordentlich investiert hatte und für den es um nicht mehr und nicht weniger als die berufliche Existenz ging.
Anna Schwarzenberg trat aus dem Badezimmer und vor ihren Mann Michael. Sie trug ein bordeauxrotes Abendkleid, dessen Saum vorn bis zum Knie reichte und sich nach hinten verlängerte. Es war hochgeschlossen, mit einer