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… dreiunddreißig Jahre später …
Sie wurde am frühen Morgen wach, als es im Haus laut polterte. Dann folgte ein Schrei, wie sie ihn noch nie gehört hatte, so grell und laut, so durchdringend und bedrohlich, so angsterfüllt und panisch, etwas Schreckliches musste geschehen sein. Es war der Schrei einer Frau, der im Schmerz verstummte.
»Mama?«, stammelte sie und sprang aus dem Bett. Barfuß und nur mit einem Nachthemd bekleidet rannte sie durch das kleine Zimmer unter dem Dach, riss die Tür auf und hetzte zur Treppe. Abermals polterte es. Sie hatte kaum drei Stufen hinter sich gebracht, als sie wie vom Donner gerührt stehen blieb. Unterhalb der Treppe vor dem kleinen Verschlag, in dem Vorräte und Werkzeuge aufbewahrt wurden, lag jemand verkrümmt auf dem Rücken. Zuerst sah sie nur die Füße, die in gestrickten braunen Wollsocken steckten. Angsterfüllt ging sie Stufe für Stufe weiter, und aus den Füßen und Beinen wurde ein Körper. Die alte, zerschlissene und schmutzig braune Strickjacke, die schwieligen Hände, vom Schmerz verkrümmt, die ergrauten Haare und der tiefe rote Fleck, der sich am Kopf ausgebreitet hatte und mit dem Teppich verschwamm. Wie in Trance überwand sie die letzten Stufen, bis sie schreckensstarr stehen blieb, die Hände vor Entsetzen an die Wangen gepresst.
»Vater …«
Es war eine Feststellung, keine Frage, ihr Vater lag regungslos an der Treppe und eine Blutlache breitete sich neben seinem Kopf aus.
»Mama … Mama, wo bist du?«, rief sie durch den Flur. Erneut hörte sie ein Poltern, bevor ihr der Tod in der offenstehenden Tür zum Schlafzimmer erschien.
Schwarz gekleidet war er und schwarz war auch sein Gesicht, und es glänzte im Licht. In der Hand hielt er etwas, das bedrohlich blitzte. Sie stieß einen spitzen Schrei aus und rannte durch den Flur zum Badezimmer. Kurz bevor sie es erreicht hatte, wandte sie sich noch einmal um und sah, dass der Tod ihr folgte. Sie schlug die Tür zu und drehte den Schlüssel herum. Ein kleines Fenster über der Toilette führte nach draußen, doch noch bevor sie den Griff umfasst hatte, rüttelte es an der Tür. Tränen liefen ihr über die Wangen und trübten ihren Blick, doch sie wusste, dass dieses Fenster die einzige Chance zur Flucht war. Der Griff ging schwer, doch es gelang ihr, das Fenster zu öffnen. Aus dem Rütteln an der Tür wurde ein Poltern, dann folgte ein lauter Schlag. Das Holz splitterte. Sie sprang auf den Toilettensitz und schob ihren Oberkörper hinaus. Das Fenster war eng, maß kaum einen halben Meter, doch sie war schlank und auch auf die Gefahr hin, dass sie kopfüber auf die Pflastersteine im Hof stürzte, sie musste aus diesem Haus fliehen. Als es hinter ihr wieder krachte, stieß sie sich mit einem Schwung ab. Noch bevor ihre Hüften über die Zarge geglitten waren, flog die Tür auf und der schwarze Tod sprang in den Raum. Er ergriff ihre Beine und zog sie zurück. Sie zappelte und keilte aus wie ein Wildpferd, doch es nutzte nichts, der Tod war viel kräftiger als sie. Er zog sie zurück in den Raum und sie stürzte neben der Toilette zu Boden.
Sie drehte sich um und rutschte in die Ecke neben dem Waschbecken, wo die Wand ihre sinnlose Flucht beendete. Zitternd starrte sie auf die schwarze Gestalt, die vor ihr stand und sie beobachtete, wie sie über den Boden robbte.
»Nein … nein!«, schrie sie, als sie aufblickte. Regungslos stand er ü