: Frank Göhre
: Verdammte Liebe Amsterdam
: CULTurBOOKS
: 9783959881630
: 1
: CHF 8.70
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 168
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis 2020 Ausgezeichnet mit dem Stuttgarter Krimipreis 2021 Platz 2 Buchkultur: Die besten Krimis der Saison Auf der Krimibestenliste von Dradio und FAS »Göhre schreibt Kino - Zeitreisen, Liebe, Schmerz und Erlösung inbegriffen.« Friedrich Ani »Endlich ist diese ganz besondere Stimme wieder da - sprachgewaltig, schnell, milieustark. Frank Göhre ist ein Meister, das dunkle Leuchten seiner Figuren einzigartig.« Simone Buchholz Ein Toter auf einem Autobahnrastplatz, eine verschwundene Fünfzehnjährige, korrupte Polizisten - und mittendrin ein Mann, der wissen will, warum sein Bruder sterben musste. Zehn Jahre nach seinem letzten Roman zeigt sich der zweifache Gewinner des Deutschen Krimi Preises auf der Höhe seines Könnens. Ein rasantes Roadmovie zwischen Hamburg, Köln und Amsterdam. Der Hamburger Restaurantbetreiber Schorsch Köster bekommt einen Anruf. Sein Bruder Michael wurde tot auf einem Autobahnrastplatz gefunden, erschlagen und vollständig ausgeraubt. Von dem Täter fehlt jede Spur. Schorsch begibt sich auf Spurensuche und muss erkennen, kaum etwas von Michael und dessen Leben gewusst zu haben. Und was hat Michaels Tod mit einer verschwundenen Fünfzehnjährigen zu tun, die von Zuhause ausgerissen ist? Seine Recherchen führen Schorsch von Hamburg über Köln ins Rotlichtmilieu von Amsterdam. Mitten hinein in die Abgründe von Familiengeschichten, auch die der eigenen. »Ein Mann versucht, den vergifteten Tentakeln der Vergangenheit zu entfliehen, und gerät in die Untiefen eines Lebens, das ein Fremder geführt hat: sein Bruder. Ein Trip in die Arktis der menschlichen Seele. Atemholen verboten.« Friedrich Ani Pressestimmen »Frank Göhres Protagonisten sind tapfere Glücksritter, Leute, die frei sind in ihren Berufen, auf dem eigenen vergeblichen Weg ins Glück, der bestenfalls mit etwas Knete endet. Gegen die Anstandsgebote der Spießerwelt gehorchen sie ihren eigenen Regeln, lustbetont und widerständig. Die Welt wäre besser, wenn es mehr Kriminalromane wie diesen gäbe.« Tobias Gohlis »Frank Göhre: Der Klassiker der deutschen Genreliteratur.« Ulrich Noller, WDR »Ein wunderbarer, böser, trauriger, zärtlicher Roman über kaputte Typen, die man manchmal aus dem eigenen Spiegel zu kennen glaubt ... große Krimikunst!« Marcus Müntefering »Unterhalb der Spießerlatte: schwarze Romantik, rauhes Leben. Das kann nur Göhre.« Jury Krimibestenliste DLF Kultur und FAS

Frank Göhre, Jahrgang 1943, arbeitete als Buchhändler, Bibliothekar, Verlagsangestellter und Hörfunkautor. Er lebt in Hamburg und schrieb neben Romanen (siehe www. pendragon.de) u. a. die Drehbücher zu den Kinofilmen »Abwärts«, »Die Ratte« und das mit dem Deutschen Drehbuchpreis ausgezeichnete Drehbuch »St. Pauli Nacht« (Regie: Sönke Wortmann). Göhre ist Mitarbeiter bei CULTurMAG (www.culturmag.de).

EINS


Am zwanzigsten kurz nach neun nahm Schorsch den Anruf entgegen. Der Himmel grau in grau, der Strand menschenleer, das Meer aufgewühlt. Schorsch stand auf der Terrasse der Inselpension, die brennende Zigarette in der hohlen Hand, ein nasskalter Wind blies ihm ins Gesicht. Der Anrufer nannte Name und Dienststelle. Er entschuldigte sich und drückte sein Bedauern aus, bevor er Schorsch darüber in Kenntnis setzte, dass sein Bruder Michael auf einem Rastplatz der A3 kurz vor Köln tot aufgefunden worden war. Nach ersten Erkenntnissen sei er hinterrücks überfallen, niedergeschlagen und komplett ausgeraubt worden. Todesursache sei ein kräftig ausgeführter Schlag mit einem Knüppel oder einem Stahlrohr gewesen.

Schorschs Blick fixierte einen imaginären Punkt am bleiernen Horizont. Auf die Frage des Beamten ant­wortete er mit einem knappen »ich komme« und beendete das Gespräch. Er blieb noch eine Weile auf der Terrasse stehen und versuchte sich zu erinnern, wann genau er seinen Bruder zuletzt gesehen hatte. Nah stand er ihm schon lange nicht mehr, aber wie auch immer, er war das einzige noch lebende Fami­lienmitglied gewesen.

 

Michaels schmales Gesicht war gebräunt, das dichte dunkelblonde Haar ordentlich gekämmt, rasiert hatte man ihn nicht. Um seinen Mund lag ein spöttischer Zug, Ironie, Überheblichkeit. So jedenfalls kam es Schorsch vor. So kannte er ihn, herablassend. Er nickte und wandte sich dann zur Tür.

»Ich habe noch ein paar Fragen«, sagte die ermittelnde Kommissarin. Schorsch hatte ihren Namen schon wieder vergessen. Sie war extrem dünn, hatte eine stark ausgeprägte Nase und trug eine John-Lennon-Brille.

»Ja?«, sagte Schorsch.

Die Kommissarin räusperte sich.

»In meinem Büro«, sagte sie.

Es war ein schlecht gelüfteter, fast quadratischer Raum im Parterre. Zwei Fenster zur Straße hin, auf den Fensterbänken verschiedene Kakteen und ein goldglänzendes Gießkännchen. Aktenschrank, Schreib­­tisch, zwei Besucherstühle. Behördenstandard.

Die Kommissarin nahm Platz und bedeutete Schorsch, sich ebenfalls zu setzen.

Er tat es.

»Sie haben also Ihren Bruder eine Ewigkeit – sagen Sie –, eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. – Er lebte in Köln.«

Schorsch zuckte die Achseln.

»Gab es dafür einen Grund? Ich meine …« Sie blickte auf irgendein vor ihr liegendes Papier. »Ich meine, für den mangelnden Kontakt.«

»Wir hatten uns nicht mehr viel zu sagen.«

»Inwiefern?«

»Er hat sein Leben geführt, ich meins. Da gab es keine Gemeinsamkeiten.«

»Ihr Bruder hat dem Vernehmen nach als IT-Berater gearbeitet.«

»Sagt wer?«

»Seine Lebensgefährtin – eine Jutta Kotzke.«

Jutta! Seine Lebensgefährtin! Schorsch glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Er brauchte einen Moment, bevor er reagierte.

»Nett«, sagte er dann.

»Wie bitte?«

»IT-Berater. Freiberuflich, nehme ich an. Was anderes wäre für ihn ja auch nicht infrage gekommen. Nur nichts Festes, nichts Bindendes. Frei, immer frei sein, von allem unabhängig. War ja auch möglich, anfangs jedenfalls. Aber wenn man mit Geld nicht umgehen kann – ach, was soll’s!« Er machte eine knappe, abschließende Geste, hatte schon zu viel gesagt, zu emotional, zu heftig.

Die dürre Tante glotzte ihn an.

»War’s das?«, fragte er.

 

Jutta Kotzke wohnte in der Altstadt, im vierten ­Stock über einer Eckkneipe, kein Fahrstuhl, die Treppe mit grün ­gesprenkeltem Linoleum ausgelegt. Schorsch war gut trainiert, nahm jeweils zwei Stufen auf einmal und war kein bisschen außer Atem, als er an der Wohnungstür klingelte.

Jutta schien nicht überrascht. Sie bat ihn herein, ging vor in einen großen, hellen Wohnraum, karg einge­richtet, d