EINS
Am zwanzigsten kurz nach neun nahm Schorsch den Anruf entgegen. Der Himmel grau in grau, der Strand menschenleer, das Meer aufgewühlt. Schorsch stand auf der Terrasse der Inselpension, die brennende Zigarette in der hohlen Hand, ein nasskalter Wind blies ihm ins Gesicht. Der Anrufer nannte Name und Dienststelle. Er entschuldigte sich und drückte sein Bedauern aus, bevor er Schorsch darüber in Kenntnis setzte, dass sein Bruder Michael auf einem Rastplatz der A3 kurz vor Köln tot aufgefunden worden war. Nach ersten Erkenntnissen sei er hinterrücks überfallen, niedergeschlagen und komplett ausgeraubt worden. Todesursache sei ein kräftig ausgeführter Schlag mit einem Knüppel oder einem Stahlrohr gewesen.
Schorschs Blick fixierte einen imaginären Punkt am bleiernen Horizont. Auf die Frage des Beamten antwortete er mit einem knappen »ich komme« und beendete das Gespräch. Er blieb noch eine Weile auf der Terrasse stehen und versuchte sich zu erinnern, wann genau er seinen Bruder zuletzt gesehen hatte. Nah stand er ihm schon lange nicht mehr, aber wie auch immer, er war das einzige noch lebende Familienmitglied gewesen.
Michaels schmales Gesicht war gebräunt, das dichte dunkelblonde Haar ordentlich gekämmt, rasiert hatte man ihn nicht. Um seinen Mund lag ein spöttischer Zug, Ironie, Überheblichkeit. So jedenfalls kam es Schorsch vor. So kannte er ihn, herablassend. Er nickte und wandte sich dann zur Tür.
»Ich habe noch ein paar Fragen«, sagte die ermittelnde Kommissarin. Schorsch hatte ihren Namen schon wieder vergessen. Sie war extrem dünn, hatte eine stark ausgeprägte Nase und trug eine John-Lennon-Brille.
»Ja?«, sagte Schorsch.
Die Kommissarin räusperte sich.
»In meinem Büro«, sagte sie.
Es war ein schlecht gelüfteter, fast quadratischer Raum im Parterre. Zwei Fenster zur Straße hin, auf den Fensterbänken verschiedene Kakteen und ein goldglänzendes Gießkännchen. Aktenschrank, Schreibtisch, zwei Besucherstühle. Behördenstandard.
Die Kommissarin nahm Platz und bedeutete Schorsch, sich ebenfalls zu setzen.
Er tat es.
»Sie haben also Ihren Bruder eine Ewigkeit – sagen Sie –, eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. – Er lebte in Köln.«
Schorsch zuckte die Achseln.
»Gab es dafür einen Grund? Ich meine …« Sie blickte auf irgendein vor ihr liegendes Papier. »Ich meine, für den mangelnden Kontakt.«
»Wir hatten uns nicht mehr viel zu sagen.«
»Inwiefern?«
»Er hat sein Leben geführt, ich meins. Da gab es keine Gemeinsamkeiten.«
»Ihr Bruder hat dem Vernehmen nach als IT-Berater gearbeitet.«
»Sagt wer?«
»Seine Lebensgefährtin – eine Jutta Kotzke.«
Jutta! Seine Lebensgefährtin! Schorsch glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Er brauchte einen Moment, bevor er reagierte.
»Nett«, sagte er dann.
»Wie bitte?«
»IT-Berater. Freiberuflich, nehme ich an. Was anderes wäre für ihn ja auch nicht infrage gekommen. Nur nichts Festes, nichts Bindendes. Frei, immer frei sein, von allem unabhängig. War ja auch möglich, anfangs jedenfalls. Aber wenn man mit Geld nicht umgehen kann – ach, was soll’s!« Er machte eine knappe, abschließende Geste, hatte schon zu viel gesagt, zu emotional, zu heftig.
Die dürre Tante glotzte ihn an.
»War’s das?«, fragte er.
Jutta Kotzke wohnte in der Altstadt, im vierten Stock über einer Eckkneipe, kein Fahrstuhl, die Treppe mit grün gesprenkeltem Linoleum ausgelegt. Schorsch war gut trainiert, nahm jeweils zwei Stufen auf einmal und war kein bisschen außer Atem, als er an der Wohnungstür klingelte.
Jutta schien nicht überrascht. Sie bat ihn herein, ging vor in einen großen, hellen Wohnraum, karg eingerichtet, d