PROLOG
London, gegen Ende der Regierungszeit Königin Victorias
Adelaide Pyne benötigte fast achtundvierzig Stunden, um zu erkennen, dass die Rosestead Academy keine exklusive Schule für verwaiste junge Damen war, sondern ein Bordell. Doch da war es schon zu spät. Sie war an einen Furcht erregenden, als Mr Smith bekannten Mann verhökert worden.
Das im Dunkeln liegende Lustgemach wurde nur von einer einzigen Kerze spärlich erhellt. Die flackernde und rußende Flamme fiel auf die reichen cremefarbigen Satindraperien, die von einem schmiedeeisernen Rahmen über dem Himmelbett hingen. Im schwachen Lichtschein sahen die roten, auf den schneeweißen Quilt gestreuten Rosenblätter wie kleine Blutlachen aus.
Adelaide kauerte in einem dunklen, engen Schrank. Angst schärfte ihre Sinne. Durch einen Spalt zwischen den Türflügeln konnte sie nur einen kleinen Ausschnitt des Raumes sehen.
Smith betrat das Gemach. Dem Bett mit den üppigen Draperien gönnte er nur einen flüchtigen Blick. Nachdem er die Tür rasch abgeschlossen hatte, legte er einen Hut und eine schwarze Tasche auf dem Tisch ab, ganz wie ein Arzt bei einem Krankenbesuch.
Obwohl ihr Herz ängstlich klopfte, lenkte etwas an der schwarzen Tasche Adelaide ab und fesselte ihre Aufmerksamkeit. Traumlicht drang aus der schwarzen Tasche. Sie konnte ihren Sinnen kaum trauen. Große, mächtige, geheimnisvolle Energieströme sickerten durch das Leder. Sie hatte den enervierenden Eindruck, dass die Energie sie auf unzählig verschiedene Arten zu sich rief. Doch das war unmöglich.
Jetzt war keine Zeit, sich über dieses Geheimnis den Kopf zu zerbrechen. Ihre Situation wurde immer verzweifelter. Ihr Plan hatte nämlich darauf gegründet, dass sie es mit einem von Mrs Rossers üblichen Kunden zu tun hätte, mit einem betrunkenen, von sinnlichem Verlangen getriebenen Lüstling ohne nennenswertes psychisches Talent. Während der letzten zwei Tage hatte sie gelernt, dass sexuelle Begierde den Verstand eines Durchschnittsmannes so sehr erfüllt, dass sein normales Denkvermögen zumindest vorübergehend aussetzt und sein Intelligenzquotient erheblich sinkt. Sie hatte beabsichtigt, diese Erkenntnis heute zu ihrer Flucht zu nützen.
Aber Smith war offensichtlich kein gewöhnlicher Bordellbesucher. Mit Entsetzen nahm sie die brodelnde Energie in den Traumspuren wahr, die er in den Raum gebracht hatte. Auch die Tasche war mit seinen heißen paranormalen Fingerabdrücken übersät.
Jeder Mensch hinterließ Spuren von Traumlicht auf den Gegenständen, mit denen er in Berührung kam. Die Ströme durchdrangen mit Leichtigkeit Schuhleder und Handschuhe. Ihr Talent ermöglichte es ihr, Spuren solcher Energie wahrzunehmen.
Im Allgemeinen waren Traumspuren schwach und verschwommen, diese hier waren ganz außergewöhnlich. Befand sich ein Individuum in einem Zustand gesteigerter emotionaler Verfassung oder Erregung, hinterließ es sehr deutliche und wah