Gespräche über Bildung
Gott oder Bildung?
Whitehead: Sehen Sie, Sie haben es geschafft!
Forstner: Ja, auch wenn ich zwischendurch fast nicht mehr daran geglaubt habe.
Whitehead: Aber Sie haben es trotzdem weiter versucht, und Sie haben es geschafft.
Forstner: Ja, und ich habe Ihnen wieder ein Gespräch mitgebracht.7
Whitehead: Wunderbar, ich sehe schon, Sie haben auch wieder dieses erstaunliche Gerät dabei. Und damit haben Sie mir ein Gespräch aus Ihrer Zeit aufgezeichnet? – Wir wollten über Gott reden, nicht?8
Forstner: Ja, wollten wir – und ja, ich habe Ihnen ein Gespräch mitgebracht, aber leider nicht über Gott.
Whitehead: Ah, da drückt der Schuh. Sollte er aber nicht! Es gibt so viele Themen, so viele Interessen, so viele Möglichkeiten, wie sollte man sich da schon Monate vorher auf irgendeine einzelne Frage festlegen?
Forstner: Na ja, die Gottesfrage ist ja nun nicht irgendeine Frage.
Whitehead: Das sicherlich nicht, aber ich nehme mal an, dass es da ein anderes Thema gibt, das Ihnen gerade wichtiger ist?
Forstner: Ja …
Whitehead: … dann sollten Sie auch dazu stehen! Vielleicht habe ich es bisher noch nicht deutlich genug gesagt: Ich freue mich wirklich über Ihre Besuche, und jeder neue Impuls ist mir willkommen. Also, worüber wollen wir reden?
Forstner: Was mich derzeit umtreibt, ist der Schulwechsel meiner Tochter von der zweiten Klasse einer Montessorischule in die dritte Klasse einer Regelschule.
Whitehead: Sie wollen mit mir über Schule reden?
Forstner: Über Bildung.
Whitehead: Bildung? Ich muss zugeben, das verblüfft mich jetzt doch etwas, dass Sie darüber ausgerechnet mit mir reden wollen. »Zeit«, »Gott« – das sind ewige Themen, zu denen auch ein Vorgestriger wie ich immer noch etwas zu sagen hat. Aber Bildung?
Forstner: Sie haben einiges zu Erziehung und Bildung gesagt und geschrieben.
Whitehead: Das schon, aber das ist für jemanden, der nahezu sein gesamtes Leben an englischen und amerikanischen Universitäten verbracht hat, keine besondere Leistung. Außerdem ist alles, was ich dazu gesagt und geschrieben habe, auf das englische Bildungswesen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts gemünzt. Ich glaube wirklich nicht, dass das noch irgendeine Bedeutung für Ihre Gesellschaft hat.
Forstner: Ich schon! Und nicht nur ich: Ihre Aufsatzsammlung »The Aims of Education« ist erst vor wenigen Jahren in meine Sprache übersetzt worden und hat durchaus Beachtung gefunden.
Whitehead: Wirklich? Nun, Evelyn war ohnehin der Meinung, dass das mit das Beste war, was ich je geschrieben habe.9
Forstner: Eine kluge Frau!
Whitehead: Ja, das war sie – auch wenn sie in den akademischen Kreisen meiner Generation nicht als gebildet galt, zumindest nicht im klassischen Sinne.10 Darunter hat sie sehr gelitten …
Forstner: … und da sind wir doch schon mitten im Thema!
Whitehead: Also gut, überredet. Versuchen wir’s!
Forstner: Dann darf ich die Aufnahme starten?
Whitehead: Ich bitte Sie darum.
Whitehead weiß gar nicht, was Bildung