: Daniel Ammann
: Die Veranlassung im Tode
: TWENTYSIX
: 9783740720872
: 1
: CHF 7.10
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: Erzählende Literatur
: German
: 356
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Seit der Kunstmaler seine existenzielle Situation von Grund aus verändert hatte, lebt er in einer Stadt am Meer. Am Tag seiner Ankunft hatte er Manon absichtslos und zufällig kennengelernt. Fünfzehn Jahre sind vergangen. Manon entscheidet sich, zwei Jahre in einem anderen Land im Süden zu leben. Während dieser Zeit fällt der Maler, von Krankheit und Unruhe ergriffen, in vier vergangene Lebensphasen mit Manon zurück. Jede Rückschau zeigt, wie sie sich in ihrer Liebe gegenseitig erhöhen. Die eine Wiederholung ("Die Reise an den Ozean") beschreibt eine der glücklichsten, ja ekstatischen Reisen mit Manon ("Aus ihrer Glut erhielt das Glück seinen Vorzug."). Während Manon im anderen Land bei der Arbeit an literarischen Texten eine erfüllte Zeit erlebt, leidet der Maler an Krankheit und Ermüdung. Sein Kunstschaffen lässt nach. Die schwierige Zeit überbrückt ein Briefwechsel ("Wir leben in Reservaten, zwischen denen eine unterirdische Verbindung dauernd gegenwärtig ist.") und vier ausführliche Essays von Manon. Jeder Essay trifft den Kern des Existenzgefühls des Malers und stärkt seinen Lebenswillen. Als ihm angeboten wird, einen großflächigen Kreis an der Wand einer Halle auszumalen, zweifelt er an seinen Kräften für diese Arbeit. Manon treibt ihn an. Sie ist überzeugt, dass er nur im Kunstschaffen genesen kann. Einer ihrer Essays stimuliert ihn zu seiner Bildidee für den Kreis ("Das ist es!, rief ich ins Atelier und fügte hinzu: Nur so!"). Die Wandmalerei stellt große Herausforderungen, die er aus Leidenschaft meistert und vorübergehend seine Entkräftung überwindet. Nach der Ausgestaltung des Kreisbildes nimmt die Erschöpfung des Malers abrupt zu und steigert sich bis in die Passivität und Verwahrlosung ("Die Ermüdung war allem übergeordnet und verlangte von mir eine Deutung ihrer Herrschaftsgewalt, doch gleichzeitig unterband mir die tückische Müdigkeit jegliche Möglichkeit einer Antwort auf diese Frage."). Er fühlt sich existenziell bedroht und schreibt, als er Manon um Hilfe bittet, von"Der Veranlassung im Tode". Manon ruft ihn zu sich. Die Tage im Licht des südlichen Landes sind geprägt vom intensiven Erleben der Natur ("Dies ist eine Hochzeit der anderen Art."). Sie kehren zusammen zurück in sein Haus am Meer.

Daniel Ammann (*1947 in Zürich) ist Naturwissenschaftler und war siebenundzwanzig Jahre Privatdozent an der ETH Zürich. Unter anderem hielt er dreizehn Jahre die Vorlesung"Kunst und Naturwissenschaft". Er hat sich seit seiner Jugend der Malerei gewidmet.

Zweites Kapitel

Entsprechungen an Rändern

Meine Krankheit umschloss mich nun eng, schon bemächtigte mich ihr Schatten und trübten meine Sinne und verdunkelten mein Blut. Ein Engel fehlte mir, gleich zweifach, denn es fehlte mir auch das kraftvolle Werk, von dem ich Manon hätte schreiben können: 'Es ist!'. Mein kränkelndes Herz unterband mir das Schaffen aus innerem Gefühl und der schwere Atem untergrub die Leichtigkeit meiner Vorstellungskraft. Ich spürte in mir eine einwärts fallende Macht, die mir einen bisher unausgesprochenen Gedanken ankündigte: Dass mir nur ein Engel Belebung und Stärkung bringen könnte. Mein Verstand hatte den Gedanken über die Notwendigkeit der Beschützerin und Retterin noch nicht meiner Vernunft zugespielt, der Zeitpunkt der Abreise von Manon war noch zu nah, als dass die Ohnmacht gegenüber meiner eigenen Existenz überhandnehmen konnte.

Es gibt Dinge, die in den Gedanken aufsteigen und man weiss nicht weshalb. Warum nur benutzte ich das Wort Engel zuvor? Schliesslich hatte ich doch keine klaren Gründe gehabt, an Engel zu denken, umso mehr, da mich die Erscheinung von Engeln in den religiösen Schriften nie besonders interessiert hatte. Es war unnötig, dass Rembrandt den Worten aus dem Buch Moses 'Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham!' wörtlich folgte und den Engel auf dem Berg im Lande Moria malte, denn der erhobene Blick Abrahams hätte genügt. Die Vorstellung geflügelter und übernatürlicher Wesen als Mittler zwischen Gott und Menschen in einem hierarchischen Umfeld von Gott war mir unverständlich. Ich schloss nicht aus, dass immaterielle Wesen möglich waren, aber ich wollte mir davon kein Bild machen.

Allerdings stand ich früher neben wenigen Engelskulpturen, die einen übermässigen Eindruck in mir hervorriefen, darunter der Engelspfeiler im Südquerhaus der Kathedrale in Strassburg, und ich erinnere mich, wie mein Blick auf den 'l'ange qui sourit' neben dem nördlichen Westportal der Kathedrale von Reims besonders auf mich wirkte: Ein Engel aus Stein, der lächelt. Eigentlich traf mich sein Lächeln derart, weil ich es nur bei ganz wenigen Menschen genauso enigmatisch angetroffen hatte. Erhielt ich auf einer Strasse, in Bahnhöfen oder auf Spaziergängen unverhofft ein solches Lächeln, war ich augenblicklich innerlich bereichert. Nie vergesse ich die Frau im Regionalzug von Florenz nach Rom, die im Zugabteil mir gegenüber lag und wie ihr im Schlaf eine Träne aus dem Auge floss. Als sie erwachte schenkte sie mir ein engelhaftes Lächeln. Und doch hatte mich jeweils keine entzifferbare Botschaft erreicht, aber das Lächeln beeinflusste zweifellos den Fortgang meines Tages und damit vielleicht meines Lebens.

Solche Begebenheiten führten mich zur Überzeugung, dass es Engel in menschlicher Gestalt geben kann und ich dachte unverhofft an eine liebende Mutte