Zweites Kapitel
Entsprechungen an Rändern
Meine Krankheit umschloss mich nun eng, schon bemächtigte mich ihr Schatten und trübten meine Sinne und verdunkelten mein Blut. Ein Engel fehlte mir, gleich zweifach, denn es fehlte mir auch das kraftvolle Werk, von dem ich Manon hätte schreiben können: 'Es ist!'. Mein kränkelndes Herz unterband mir das Schaffen aus innerem Gefühl und der schwere Atem untergrub die Leichtigkeit meiner Vorstellungskraft. Ich spürte in mir eine einwärts fallende Macht, die mir einen bisher unausgesprochenen Gedanken ankündigte: Dass mir nur ein Engel Belebung und Stärkung bringen könnte. Mein Verstand hatte den Gedanken über die Notwendigkeit der Beschützerin und Retterin noch nicht meiner Vernunft zugespielt, der Zeitpunkt der Abreise von Manon war noch zu nah, als dass die Ohnmacht gegenüber meiner eigenen Existenz überhandnehmen konnte.
Es gibt Dinge, die in den Gedanken aufsteigen und man weiss nicht weshalb. Warum nur benutzte ich das Wort Engel zuvor? Schliesslich hatte ich doch keine klaren Gründe gehabt, an Engel zu denken, umso mehr, da mich die Erscheinung von Engeln in den religiösen Schriften nie besonders interessiert hatte. Es war unnötig, dass Rembrandt den Worten aus dem Buch Moses 'Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham!' wörtlich folgte und den Engel auf dem Berg im Lande Moria malte, denn der erhobene Blick Abrahams hätte genügt. Die Vorstellung geflügelter und übernatürlicher Wesen als Mittler zwischen Gott und Menschen in einem hierarchischen Umfeld von Gott war mir unverständlich. Ich schloss nicht aus, dass immaterielle Wesen möglich waren, aber ich wollte mir davon kein Bild machen.
Allerdings stand ich früher neben wenigen Engelskulpturen, die einen übermässigen Eindruck in mir hervorriefen, darunter der Engelspfeiler im Südquerhaus der Kathedrale in Strassburg, und ich erinnere mich, wie mein Blick auf den 'l'ange qui sourit' neben dem nördlichen Westportal der Kathedrale von Reims besonders auf mich wirkte: Ein Engel aus Stein, der lächelt. Eigentlich traf mich sein Lächeln derart, weil ich es nur bei ganz wenigen Menschen genauso enigmatisch angetroffen hatte. Erhielt ich auf einer Strasse, in Bahnhöfen oder auf Spaziergängen unverhofft ein solches Lächeln, war ich augenblicklich innerlich bereichert. Nie vergesse ich die Frau im Regionalzug von Florenz nach Rom, die im Zugabteil mir gegenüber lag und wie ihr im Schlaf eine Träne aus dem Auge floss. Als sie erwachte schenkte sie mir ein engelhaftes Lächeln. Und doch hatte mich jeweils keine entzifferbare Botschaft erreicht, aber das Lächeln beeinflusste zweifellos den Fortgang meines Tages und damit vielleicht meines Lebens.
Solche Begebenheiten führten mich zur Überzeugung, dass es Engel in menschlicher Gestalt geben kann und ich dachte unverhofft an eine liebende Mutte