: Michael Böhm
: Die zornigen Augen der Wahrheit Kriminalroman
: Bookspot Verlag
: 9783956691348
: 1
: CHF 7.10
:
: Spannung
: German
: 192
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Es brodelt in der Stadt. Daran besteht für den Skribenten, der nach jahrzehntelanger Abwesenheit in seine alte Heimat zurückkehrt, kein Zweifel. Nichts Geringeres als das Ende der Welt schwebt wie das drohende Damoklesschwert über seinem Kopf und so begibt er sich auf Spurensuche in seiner eigenen Vergangenheit und jener der Weggefährten seiner Jugendtage. Unter dem vermeintlich stillen Idyll der Stadt liegt ein Netz aus Intrigen, Korruption und politischen Machenschaften verborgen, das tödliche Opfer fordert. Alle Fäden scheinen bei einer Person zusammenzulaufen, dem unantastbaren Baumagnaten Birgmann. Skrupellos, ambitioniert und ... bereit über Leichen zu gehen? Schnell stellt der Skribent fest, dass nicht nur Birgmann das Schicksal der Stadt zu lenken versucht - die elitäre Bruderschaft der Stadt, die Congregatio Cicero, übt ihren Einfluss durch ihre erlauchten Mitglieder ebenfalls aus. Seine Heimkehr wirft für den Skribenten mehr Fragen auf, als er je Antworten finden könnte, doch einer Sache ist er sich gewiss: Der Strafe des Himmels wird niemand entkommen. Michael Böhm ist ein Meister der leisen Töne - subtil und wortgewandt zeichnet er ein kriminologisches Gesellschaftsporträt. 'Die zornigen Augen der Wahrheit' gewährt einen Blick hinter verschlossene Türen auf ein eingespieltes System von Verbindungen und Abhängigkeiten.

Michael Böhm wurde im Taunus geboren und verbrachte dort seine Kindheit und Jugend. Als Schriftsetzer-Meister war er als Ausbilder tätig, bevor er in die Datenverarbeitung wechselte. Er lebt im Ruhestand in der Nähe von München. Der Autor schreibt seit seiner Jugendzeit. Nach ersten Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien erschienen Erzählungen und zwei Kriminalromane rund um den Buchhändler und eigenwilligen Detektiv 'Homer'. Der erste Teil seiner 'Petermann'-Trilogie mit dem Titel 'Herrn Petermanns unbedingter Wunsch nach Ruhe' wurde 2014 für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert, im Jahr 2016 erhielt er die begehrte Auszeichnung für den zweiten Band 'Herr Petermann und das Triptychon des Todes'. Mit 'Quo vadis, Herr Petermann?' schloss Michael Böhm die Reihe im selben Jahr ab. 2018 kooperierte er mit Dieter Hentzschel für den gemeinsamen Kriminalroman 'Dinner mit Elch', ebenfalls im Bookspot Verlag erschienen. Mit 'Träume am Ende des Weges' veröffentlichte der Autor im Jahr 2019 eine zauberhafte Galerie großer Persönlichkeiten.

Der Fotograf


Worauf jeden Morgen sein Blick zuerst fiel, war das Pentakel seines geistigen Freundes Pythagoras. Entweder war es die Sonne, die darauf leuchtete oder das automatische Spotlicht vom Tisch neben seinem Bett, das von einer bestimmten Uhrzeit gesteuert wurde. Diese kurze Zeit des Betrachtens war ihm heilig, kam einem Morgengebet gleich, versorgte ihn mit genügend Kraft für diesen neuen Tag, auf den er sich immer unbändig freute – wie ein Kind, offen und fröhlich.

So war Sixtus Adlmeier.

Heute lag für ihn das Versprechen eines weiteren schönen Frühlingstages in der Luft.

Sixtus, unverkennbar ein Mann um die sechzig, sprang nach seiner Kontemplation wie ein junger Kerl mit beiden Füßen gleichzeitig aus dem Bett, stellte sich an das breite Fenster, nahm die Weite der Ebene, die erst vor den Bergen endete, mit tiefen Atemzügen in sich auf. Nur kurz streifte ihn die Idee, seinen Freund Bertl, wie er ein Fotograf, in Gaißach anzurufen, um spontan eine Bergtour zu verabreden.

Nein, führe mich nicht in Versuchung.

Es lagen zwei Zeichnungen auf seinem Arbeitstisch, die er unbedingt fertig machen musste. Erst nach Erledigung seiner Pflicht durfte er dem geliebten Müßiggang frönen.

Er entledigte sich seiner Pyjamahose, marschierte nackt in die Küche, setzte die Kaffeemaschine in Gang, und weiter ins Bad. Lauter, falscher, gut gelaunter Gesang begleitete seine Toilette.

Als er zurück in die Küche kam, sein rundes Gesicht mit den großen blauen Augen und den dicken Lippen Zufriedenheit ausstrahlte, trug er ein wadenlanges Araberhemd; sein bevorzugtes Kleidungsstück für die eigenen vier Wände. Kaffeeduft erfüllte den hellen Raum. Er goss sich die erste Tasse ein, verbrannte sich, wie jeden Morgen, Lippen und Zunge am ersten Schluck, ging hinaus zur Wohnungstür, wo außen der Leinenbeutel mit seinen beiden Semmeln hing, die ihm der Bäcker brachte, ein bezahlter Freundschaftsdienst.

Während des Frühstücks hörte er Radio, war jedoch mit seinen Gedanken in gänzlich anderen Gefilden unterwegs.

Sixtus Adlmeier war ein Mann mit mehreren Gesichtern, immer ein passendes für unterschiedliche Gelegenheiten.

Sein erlernter Beruf war der eines Fotografen, sogar mit dem Abschluss-Zertifikat der Kunsthochschule. Als Industriefotograf hatte er sich einen respektablen Namen gemacht.

Der kräftig wirkende Mann war ein Einzelgänger, aber dennoch eine stadtbekannte Persönlichkeit. Ihm war nur allzu klar, dass er viele Jahre, addiert waren es Jahrzehnte, zu gerne als tapsiger, unbeholfener Bär, als eine Art lokaler Hofnarr gesehen worden war. Diese öffentliche Geringschätzung perlte locker an ihm ab, er war dagegen wie imprägniert, und war ihm mit der Zeit nicht einmal unlieb, als arglos, ziemlich naiv und nicht richtig ernst genommen zu werden. Als kluger Mensch hatte Sixtus schon früh erkannt, hinter dem Vorhang der Harmlosigkeit war es gut und leicht Verstecken zu spielen, mühelos unbeachtet wirklich wichtigen Dingen nachzugehen. Allerdings hatte Sixtus nie auch nur eine einzige der Demütigungen, von wem auch immer, vergessen.

Die Stadt ist für mich ein Dorf, ich schaue hinter die Kulissen, hatte er irgendwann einmal zu Jochen Michl gesagt, einem seiner handverlesenen, wirklich guten Freunde. Und Jochen wusste, dass das stimmte und tatsächlich wörtlich zu verstehen war.

Ein anderes Gesicht, auch das weitgehend unbekannt, hatte unmittelbar mit seiner Unabhängigkeit zu tun. Sixtus war der Alleinerbe seines Großvaters, der ihm auch immer Vater, mehr als ein Ersatz für den nie gekannten biologischen, bis zu seinem Tod gewesen war. Der Opa war ein Großbauer mit weitgestreutem Landbesitz im Hinterland bis in den nächsten Landkreis hinein. Der alte Mann hatte Zeit seines Lebens das Gras wachsen hören, spürte eher als andere, woher der Wind wehen würde, vor allem war er ein außerordentlich kluger Rechner. Der Opa hatte ihm auch den alten Griechen Pythagoras einst vorgestellt.

Natürlich konnte und durfte Sixtus seine finanziellen Angelegenheiten als reicher Erbe nicht mehr wie bis dahin gewohnt mit der linken Hand betreiben. Der Opa hatte in München einen professionellen Berater, den der Enkel blind übernahm. Der Privatbankvon Hermann beließ er vor Ort das bisherige Portfolio. Was gerade diese Verbindung so ideal machte, war, dass der Geschäftsführer Jochen Michl und Sixtus Adlmeier sich von Kindheit an kannten und auch immer gut leiden mochten.

Ohne Hektik, ruhig, überlegt und vor all