Der Fotograf
Worauf jeden Morgen sein Blick zuerst fiel, war das Pentakel seines geistigen Freundes Pythagoras. Entweder war es die Sonne, die darauf leuchtete oder das automatische Spotlicht vom Tisch neben seinem Bett, das von einer bestimmten Uhrzeit gesteuert wurde. Diese kurze Zeit des Betrachtens war ihm heilig, kam einem Morgengebet gleich, versorgte ihn mit genügend Kraft für diesen neuen Tag, auf den er sich immer unbändig freute – wie ein Kind, offen und fröhlich.
So war Sixtus Adlmeier.
Heute lag für ihn das Versprechen eines weiteren schönen Frühlingstages in der Luft.
Sixtus, unverkennbar ein Mann um die sechzig, sprang nach seiner Kontemplation wie ein junger Kerl mit beiden Füßen gleichzeitig aus dem Bett, stellte sich an das breite Fenster, nahm die Weite der Ebene, die erst vor den Bergen endete, mit tiefen Atemzügen in sich auf. Nur kurz streifte ihn die Idee, seinen Freund Bertl, wie er ein Fotograf, in Gaißach anzurufen, um spontan eine Bergtour zu verabreden.
Nein, führe mich nicht in Versuchung.
Es lagen zwei Zeichnungen auf seinem Arbeitstisch, die er unbedingt fertig machen musste. Erst nach Erledigung seiner Pflicht durfte er dem geliebten Müßiggang frönen.
Er entledigte sich seiner Pyjamahose, marschierte nackt in die Küche, setzte die Kaffeemaschine in Gang, und weiter ins Bad. Lauter, falscher, gut gelaunter Gesang begleitete seine Toilette.
Als er zurück in die Küche kam, sein rundes Gesicht mit den großen blauen Augen und den dicken Lippen Zufriedenheit ausstrahlte, trug er ein wadenlanges Araberhemd; sein bevorzugtes Kleidungsstück für die eigenen vier Wände. Kaffeeduft erfüllte den hellen Raum. Er goss sich die erste Tasse ein, verbrannte sich, wie jeden Morgen, Lippen und Zunge am ersten Schluck, ging hinaus zur Wohnungstür, wo außen der Leinenbeutel mit seinen beiden Semmeln hing, die ihm der Bäcker brachte, ein bezahlter Freundschaftsdienst.
Während des Frühstücks hörte er Radio, war jedoch mit seinen Gedanken in gänzlich anderen Gefilden unterwegs.
Sixtus Adlmeier war ein Mann mit mehreren Gesichtern, immer ein passendes für unterschiedliche Gelegenheiten.
Sein erlernter Beruf war der eines Fotografen, sogar mit dem Abschluss-Zertifikat der Kunsthochschule. Als Industriefotograf hatte er sich einen respektablen Namen gemacht.
Der kräftig wirkende Mann war ein Einzelgänger, aber dennoch eine stadtbekannte Persönlichkeit. Ihm war nur allzu klar, dass er viele Jahre, addiert waren es Jahrzehnte, zu gerne als tapsiger, unbeholfener Bär, als eine Art lokaler Hofnarr gesehen worden war. Diese öffentliche Geringschätzung perlte locker an ihm ab, er war dagegen wie imprägniert, und war ihm mit der Zeit nicht einmal unlieb, als arglos, ziemlich naiv und nicht richtig ernst genommen zu werden. Als kluger Mensch hatte Sixtus schon früh erkannt, hinter dem Vorhang der Harmlosigkeit war es gut und leicht Verstecken zu spielen, mühelos unbeachtet wirklich wichtigen Dingen nachzugehen. Allerdings hatte Sixtus nie auch nur eine einzige der Demütigungen, von wem auch immer, vergessen.
Die Stadt ist für mich ein Dorf, ich schaue hinter die Kulissen, hatte er irgendwann einmal zu Jochen Michl gesagt, einem seiner handverlesenen, wirklich guten Freunde. Und Jochen wusste, dass das stimmte und tatsächlich wörtlich zu verstehen war.
Ein anderes Gesicht, auch das weitgehend unbekannt, hatte unmittelbar mit seiner Unabhängigkeit zu tun. Sixtus war der Alleinerbe seines Großvaters, der ihm auch immer Vater, mehr als ein Ersatz für den nie gekannten biologischen, bis zu seinem Tod gewesen war. Der Opa war ein Großbauer mit weitgestreutem Landbesitz im Hinterland bis in den nächsten Landkreis hinein. Der alte Mann hatte Zeit seines Lebens das Gras wachsen hören, spürte eher als andere, woher der Wind wehen würde, vor allem war er ein außerordentlich kluger Rechner. Der Opa hatte ihm auch den alten Griechen Pythagoras einst vorgestellt.
Natürlich konnte und durfte Sixtus seine finanziellen Angelegenheiten als reicher Erbe nicht mehr wie bis dahin gewohnt mit der linken Hand betreiben. Der Opa hatte in München einen professionellen Berater, den der Enkel blind übernahm. Der Privatbankvon Hermann beließ er vor Ort das bisherige Portfolio. Was gerade diese Verbindung so ideal machte, war, dass der Geschäftsführer Jochen Michl und Sixtus Adlmeier sich von Kindheit an kannten und auch immer gut leiden mochten.
Ohne Hektik, ruhig, überlegt und vor all