: Täve Schur
: Was mir wichtig ist
: Neues Leben
: 9783355500616
: 1
: CHF 13.50
:
: Biographien, Autobiographien
: German
: 224
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Gustav-Adolf Schur, genannt Täve, ist mehr als eine Radsportlegende. Mehr als eine Ikone des DDR-Sports. Er steht für ostdeutsche Grundtugenden: für Fleiß und Bescheidenheit, für Bodenhaftung und Ausdauer, für Anstand und Aufrichtigkeit. Noch immer bekommt er Post, noch immer wird er um seine Meinung gebeten, noch immer orientiert man sich an seinem Urteil. Täve hat eine Haltung, ist geradlinig und unbestechlich und ein volkstümliches Vorbild. In bewegter Zeit, in der viele nach Orientierung suchen, schreiben Landsleute an ihn und erkundigen sich. Er hat mehr als acht Jahrzehnte lang als Sportler und als politischer Mensch Erfahrungen gesammelt, hat sich als Volkskammer- und Bundestagsabgeordneter für den Volkssport und die Interessen der Bürger engagiert, er kennt sich aus daheim und in der Welt. 'Täve, was meinst du ...?' Und Täve antwortet. Seine Auskünfte gehen oft über das konkrete Problem hinaus und sind auch über den Tag hinaus von Belang, weshalb sie in diesem Buch einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden. In seinen Geschichten und in den Geschichten über ihn wird unterhaltsam erzählt, wie er in der DDR so wurde, wie er ist, und dass man anständig leben, Erfolg haben und glücklich sein kann.

Gustav-Adolf Schur, Radrennfahrer, Weltmeister und Friedensfahrtsieger, wurde am 23. Februar 1931 in Heyrothsberge geboren. 1959-1990 war er Volkskammerabgeordneter, 1998-2002 Mitglied des Deutschen Bundestages. Der bis heute engagierte Förderer des Sports lebt in seinem Geburtsort Heyrothsberge.

SOLL MAN NOCH EIN BUCH SCHREIBEN?

Das Dorf, in dem ich seit meiner Geburt lebe und wo ich eines Tages vermutlich auch begraben werde, zählt keine tausend Menschen. Es gab mal zwei Ziegeleien hier. In der einen, der von Sporkenbach, wurden rote Backsteine gebrannt. In der arbeitete einst mein Vater. Doch eigentlich sind wir kein Ort, sondern nur ein Ortsteil von Biederitz. Und der ist zu großen Teilen auf Sand gebaut. Hier zog sich mal eine Wanderdüne hin, weshalb der Magdeburger Unternehmer August Heyroth eine Kiesgrube aufmachte. Das war 1848. Dieser Mensch war entweder eitel oder die Leute in seiner Umgebung ein wenig einfallslos, denn die Siedlung, die alsbald neben der Grube entstand, nannten sie Heyrothsberge. Und so heißt sie noch immer. Von der Kiesgrube kündet nur noch der Baggersee, der von unzähligen Parzellen gesäumt wird.

Seit 2015 haben wir sogar ein eigenes Wappen. Das stiftete die Freiwillige Feuerwehr und veranlasste auch dessen Eintragung in die offizielle Deutsche Ortswappenrolle. Im unteren Teil des schildförmigen Zeichens sind rote Klinker zu sehen. Damit gibt es eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Logo einer schwäbischen Bausparkasse, aber die werben mit vier Steinen und behaupten, dass man darauf bauen könne. Wir haben nur drei, und die sind inzwischen Geschichte.

Man kann diese drei Steine auch so interpretieren: Aus diesem Dorf kommen mindestens drei Leute, deren Namen auch außerhalb der Landesgrenzen bekannt wurden.

Da ist zunächst der Fußballspieler Hermann Stöcker, der mit Fünfzehn bei der Betriebssportgemeinschaft Traktor Heyrothsberge als Fußballer begann. (Die BSG heißt heute SV Union Heyrothsberge.) Stöcker holte 1964 mit der DDR-Nationalmannschaft Bronze bei den Olympischen Spielen in Tokyo und schoss dort im entscheidenden Spiel das dritte Tor gegen den Iran; bereits in den Ausscheidungsspielen mit der Mannschaft der Bundesrepublik hatte er drei Treffer erzielt. Hermann Stöcker arbeitete bis in die achtziger Jahre hinein als Co-Trainer beim 1. FC Magdeburg und soll, so heißt es, in den Neunzigern nach Niedersachsen verzogen sein.

Die zweite Prominente ging schon in den vierziger Jahren mit den Eltern »nach drüben«, was wahrscheinlich ihr Glück war: Als Biologin und Biochemikerin aus der DDR hätte sie vermutlich nie den Nobelpreis bekommen. So aber wurde Christiane Nüsslein-Volhard davor und danach mit Preisen überhäuft und weltweit gerühmt.

Bei mir, dem Dritten im Heyrothsberger Bunde, langte es nicht einmal zur Aufnahme in die Hall of Fame des deutschen Sports. Auch wenn mir beim ersten Anlauf – 2011 – dieFrankfurter Allgemeine Zeitung damit schmeichelte, ich sei »das größte Sportidol der DDR, der Max Schmeling des Ostens«, wurde ich für die virtuelle Ruhmeshalle als nicht tauglich und tragbar empfunden. So ist und bleibt denn der Vaterländische Verdienstorden, den mir die DDR verlieh, meine höchste Ehrung.

Und das ist in mehrfacher Hinsicht auch gut so.

Natürlich hätte ich nichts dagegen gehabt, meinen Namen zu finden neben denen von Katharina Witt und Renate Stecher, Jochen Schümann und Helmut Recknagel, Meinhard Nehmer und Roland Matthes, Ingrid Krämer-Gulbin und Hartwig Gauder, Birgit Fischer und Heike Drechsler, Karin Büttner-Janz, Hans-Georg Aschenbach und anderen einstigen DDR-Sportlern. Aber neben Schmeling, der sich vor den Propaganda-Karren der Nazis spannen ließ, oder Willi Daume, der während des Krieges Zwangsarbeiter in seinem Unternehmen beschäftigte und als Informant des faschistischen SD tätig war, hätte ich mich nicht sonderlich wohl gefühlt. Und dann noch Josef Neckermann, Sepp Herberger, Gus