1
Herrenhaus Bilgenstein, Ende März 1922
»Hast du ihren heimtückischen Blick gesehen?« Magda machte sich nicht die Mühe, ihre Stimme zu senken, während sie nach der Blechkanne griff, um sich Kaffee einzugießen. Natürlich war es kein echter Bohnenkaffee. Dieser war knapp vier Jahre nach Ende des Krieges immer noch viel zu teuer, um ihn den Dienstboten zuzugestehen. Als Kaffee-Ersatz bekamen sie ein Gebräu aus gerösteten Getreidekörnern und Zichorienwurzeln, das sie »Muckefuck« nannten. Eine große Blechkanne davon stand in der Gesindestube stets auf der Ofenplatte.
Claire tat, als hätte sie nichts gehört, und beugte sich tiefer über ihre Arbeit, damit die beiden Frauen ihre brennenden Wangen nicht bemerkten.
»Ich finde, sie guckt … normal.« Die Stimme des Stubenmädchens, dessen Namen Claire nicht kannte, klang unbehaglich. Offenbar hatte sie wenigstens ein schlechtes Gewissen, in Gegenwart der Fremden schlecht über sie zu reden.
»Sie istFranzösin!«, schnaubte die Zofe der Baroness Hilda von Bilgenstein. »Ich begreife nicht, wie die Gnädigste zulassen konnte, dassErbfeinde ins Haus kommen. Aus ihrer Verwandtschaft mag ja im Krieg niemand von den Franzosen umgebracht worden sein, aber es gibt Familien, die haben zwei oder drei Söhne verloren. Dahingemetzelt vonFranzmännern!« Magda wurde immer lauter.
»Das waren ja nicht nur die Franzosen«, versuchte das Stubenmädchen, sie zu beruhigen. »Ich hab gehört, dass der gnädige Herr die französische Schneiderin nicht gern im Haus haben wollte. Der Baron hat gesagt, er findet das nicht gut, wegen Elsass-Lothringen und so. Aber die Gnädigste hat sich auf die Seite i