1. Kapitel
„Gib es mir, ich kann das flicken!“, rief Emilia hoffnungsvoll, als sie sah, wie Tante Irmgard eine schon mehrfach zerrissene Bluse den Flammen des Herdfeuers überlassen wollte. Als der verärgerte Blick ihrer Tante sie streifte, machte sie sich etwas kleiner, denn sobald die Hausherrin genug Gewürzwein getrunken hatte, warf sie gerne mal mit schwereren Gegenständen als Kleidungsstücken um sich.
„Na, meinetwegen kümmere dich drum. Vielleicht taugst du wenigstens dazu!“, knurrte Tante Irmgard nach einem kurzen Moment des Nachdenkens, und die zerstörte Bluse landete auf Emilias Kopf. Es war nur Stoff, der nicht wehtat. Emilia legte erfreut die Schüssel mit den Bohnen beiseite, die sie zu putzen und zu schälen hatte. Die Magd konnte das ebenso gut erledigen, wenn sie endlich vom Markt zurückkam, und ihre Tante hatte ihr diese Aufgabe nur zugeteilt, weil sie es stets hasste, wenn Emilia eine Weile untätig herumsaß. Gierig griff sie nach dem Stoff. Es war grobes, dickes, uneben gewebtes Tuch, aber geschickt verarbeitet. Tante Irmgard hatte das Kleidungsstück von einer der reichen Damen, deren Messer Onkel Hayo regelmäßig schliff, als milde Gabe erhalten, nachdem die letzte Arbeit nicht rechtzeitig bezahlt worden war. An vielen Stellen war der Stoff aufgerieben, da Tante Irmgard ständig irgendwo anstieß, doch ließ sich der Makel noch mit robustem Garn beheben. Ansonsten waren die weit ausladenden Ärmel geschickt an der Schulter gerafft, sodass sie weit fielen und an den Handgelenken wieder zusammenwuchsen. Hier wiesen die schmalen, akkuraten Stiche auf einen Meister seines Handwerks hin. Es wäre allzu schade gewesen, dieses Kleidungsstück vom Feuer auffressen zu lassen.
Emilia zog schnell die Nadel aus ihrem Beutel. Sie besaß nur noch braunes Garn, aber die sicher einst weiße Bluse hatte im Laufe der Zeit einen tiefen Gelbstich bekommen, sodass die Farbmischung weniger auffallen würde. Das Gefühl, endlich wieder die Nadel durch Stoff gleiten lassen zu können, war fast berauschend. In ein paar Stunden hätte sie aus der Bluse wieder ein vorzeigbares Kleidungsstück gemacht! Vielleicht würde die Familie ihres Onkels dann endlich erkennen, worin die wahre Begabung des widerwillig aufgenommenen Waisenkindes lag, und aufhören, sie Töpfe scheuern und Bohnen putzen zu lassen, bis ihre Hände rissig waren.
Das Licht der Talgkerze war schwach, sodass Emilia sich tief über ihre Arbeit beugen musste. Schmerzhafte Sehnsucht schnürte ihre Kehle zusammen, als sie an die Tage in der Werkstatt ihres Vaters dachte, wo weit geöffnete Fenster und zahlreiche Wachskerzen all seinen Lehrlingen und auch ihr die Arbeit erleichtert hatten. Damals hatte es Garn in fast allen Farben von Gottes Schöpfung gegeben, Nadeln verschiedener Größe, stets frisch gewetzte Scheren zum Zuschneiden der Stoffe, die so kostbar und fein gewesen waren, dass Emilia zunächst Angst gehabt hatte, sie könnten durch eine einzige, unvorsichtige Berührung Schaden nehmen.
Es war, wie es war, sagte sie sich. Sie lebte noch, als Einzige ihrer Familie, hatte ein Dach über dem Kopf und regelmäßiges Essen auf dem Tisch. Wenn sie ihre Verwandten nur von ihren Fähigkeiten überzeugen konnte und mehr Näharbeiten bekam, würde sich ihr Talent in Augsburg herumsprechen. Vielleicht bekäme sie sogar eine Anstellung bei einem Schneidermeister, konnte seinen Sohn heiraten und sich so ihren Traum von einer eigenen Werkstatt erfüllen. Einen Weg musste es geben, denn es schien ihr unglaubwürdig, dass Gott der Herr ihr die Liebe zum Umgang mit Stoffen geschenkt hatte, nur damit sie für den Rest ihres irdischen Lebens vor Sehnsucht danach verging.
Grete, die Dienstmagd, kam hereingetänzelt, als es bereits zu dämmern begann. Auf ihren Wangen lag ein sehr tiefer rötlicher Ton, ihre Augen glänzten, als litte sie an Fieber. Achtlos warf sie den hal