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Villa Rabenfels, Juni 1945
Nach fast zwölfstündigem Fußmarsch, unterbrochen nur von drei kurzen Pausen unter tropfenden Straßenbäumen, erreichten sie den See. Mittlerweile war es so dunkel, dass man kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Es gab keinen Mond und keine Sterne, nur einen tiefschwarzen Himmel, aus dem der Regen mit gleichmäßigem Rauschen auf sie herabfiel.
Claire war so müde, dass sie sich am liebsten am Straßenrand zusammengerollt hätte. Sie wollte einfach nur schlafen und nie wieder aufwachen. Dieses Gefühl verfolgte sie seit Monaten, und an diesem Abend war es besonders stark.
»Könnt ihr sehen, ob es noch da ist? Bitte, bitte, lass unser Haus noch stehen!« Die helle, aufgeregte Stimme ihrer Jüngsten drang durch die Nebel in ihrem Kopf nur langsam in ihr Bewusstsein vor. Sie bemerkte, dass der Weg unter ihren Füßen aufwärts führte, und blieb stehen.
»Komm, Mama. Wir sind gleich da.« Viktoria zog an ihrem Arm, sodass sie sich widerwillig in Bewegung setzen musste.
»Ich kann immer noch nichts erkennen«, jammerte Mabelle. »Wenn es nur nicht so dunkel wäre.«
»Wir sind gleich da«, wiederholte Viktoria, um sie zu beruhigen. »Ich bin nicht sicher, aber das da oben sieht aus wie dunkle Mauern. Wie unser Haus.«
Mabelle stieß einen Jubelschrei aus und stürmte fast im Laufschritt den Hügel hinauf. Woher nur nahm sie nach dem Gewaltmarsch noch die Kraft dazu? Normalerweise mochte es ihre schöne, zarte Jüngste eher bequem. Selbst Spaziergänge bei schönem Wetter durften nicht zu weit sein. Ganz anders als ihre Schwester, die fast den ganzen Tag in Bewegung war und niemals müde zu werden schien. Ohne Viktoria, die sie ständig angetrieben und ermutigt hatte, wären sie jetzt wahrscheinlich nicht einmal in der Nähe des Sees. Was sie selbst anging, hätte sie sich ohne Viktorias Drän