Kapitel 2
Sarah stopfte ihre Jacke in den schon übervollen Rucksack und gähnte hinter vorgehaltener Hand. In dem kleinen Raum war es stickig, was nicht nur an den Dutzenden Studenten lag, die in einer endlosen Schlange warteten, weil es da vorn am Tresen nicht vorwärtsging, sondern auch daran, dass die Nachmittagssonne auf die breite Fensterfront knallte.
Göteborg hatte wunderschöne Universitätsgebäude, und Sarah freute sich schon seit Wochen darauf, sie alle zu erkunden und nicht nur auf dem heimischen Laptop anzuschauen. Doch das Info-Büro musste sich natürlich in so einem gesichtslosen Betonklotz-Zweckbau befinden, die man offenbar überall auf der Welt irgendwann gebaut hatte.
Die Schlange bewegte sich, und Sarah schob ihren Rucksack mit dem Fuß einen halben Meter weiter nach vorn. Die rotbraunen Haare klebten ihr an den Schläfen, und sie musste sich ständig die schweißfeuchten Hände abwischen. Sie öffnete den Zopf, nahm alle Strähnen zusammen und band ihn neu. Aber sie hatte es auch nicht so warm erwartet, daher war sie mit dem langärmeligen T-Shirt und der Cargohose viel zu warm angezogen. Es war Anfang Juni, und in Schweden war bereits der Sommer ausgebrochen.
Noch sechs Leute vor ihr, sie würde also wahrscheinlich den Rest des Tages hier verbringen. Zum mindestens Dutzenden Mal wanderte ihr Blick über die verblichenen Poster der Sehenswürdigkeiten Göteborgs, die abgenutzte Sitzecke und den verstaubten Gummibaum. Den anderen Wartenden ging es nicht anders, Austauschstudenten aus ganz Europa und von Partneruniversitäten aus Japan standen herum, doch die munteren Gespräche waren inzwischen leiser geworden oder ganz verstummt. Da die meisten zu zweit oder in kleinen Gruppen angekommen waren, wurde der Raum kaum leerer, sobald jemand an der Reihe war.
Sarah vermisste Marie. Es war das erste Mal, dass sie vollkommen allein und auf sich gestellt irgendwohin reiste, und dann auch noch mit Bahn und Flug für neun Monate in ein fremdes Land. Sarah war schon Tage vor dem Aufbruch nervös geworden. Als Marie dann einen anderen Flug buchen musste, war sie am Rande einer Panikattacke gewesen und hätte das Unternehmen am liebsten komplett abgeblasen.
Aber sie hatte sich durchgekämpft, worauf sie sehr stolz war. Das Abenteuer Schweden hatte begonnen. Trotzdem war sie froh, wenn sie Marie heute Abend endlich wiedersah. Sie hatte ihr bereits mehrere Textnachrichten geschickt, weil sie wissen wollte, ob sie gut angekommen war und was sie von ihrem Gastgeber zu erwarten hatten, aber ihre Freundin schien ihr Smartphone nicht zu checken, denn eine Antwort war bisher ausgeblieben.
Gleich zwei Studenten wedelten lachend vorn am Tresen mit ihren Unterlagen und verabschiedeten sich. Nur noch vier Leute – zwei Japaner, eine südeuropäisch aussehende Studentin mit schwarz glänzenden Locken und ein etwas bulliger Typ, der seine Nationalität unmöglich verleugnen konnte. Er hatte bisher kaum ein Wort Schwedisch gesprochen, und wer an seinen rotblonden Haaren und seinem Akzent noch nicht erkannt hatte, dass er Schotte war, dem erklärte er lautstark, er stamme aus Glasgow und studiere Sport. Solche Typen hatte Sarah schon allein bei ihrem Anblick gefressen. Gut, Clive, so sein Name – auch für alle, die esnicht interessierte – hatte natürlich den Vorteil, dass er in der Regel erwarten konnte, mit seiner Muttersprache überall durchzukommen. Aber sie waren in Göteborg, und das nicht nur, um sich in ihren jeweiligen Studienfächern fortzubilden, sondern auch, um die Sprache zu lernen. Das konnte man doch sogar von einem englischen Sportstudenten erwarten, oder?
Die drei Studenten hinter dem Tresen schauten erschöpft in den Raum, eine der beiden Frauen lächelte zum bestimmt hundertsten Mal entschuldigend in Richtung Schlange. Inzwischen wollte Sarah schon gar nicht mehr wissen, warum das alles so endlos lange dauerte, sie wollte nur noch hinaus an die frische Luft und zu ihrem Gastdomizil. Wieder musste sie gähnen.
»Was ist denn nun wieder?«, fragte die Südeuropäerin auf Schwedisch, als die beiden Japaner an den Tresen traten und sich sofort eine leb