: Harald Martenstein
: Heimweg Roman
: Penguin Verlag
: 9783641266035
: 1
: CHF 10.80
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: Erzählende Literatur
: German
: 224
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein ungewöhnlicher Blick auf die Kinderjahre der Republik, ein berührender Heimkehrer-Roman
Als Joseph aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkommt, ist er trotz Lungendurchschuss topfit verglichen mit dem, was sonst noch aus dem Zug steigt. Dass er von seiner Frau Katharina, der schönen Tänzerin vom Rhein, nicht abgeholt wird, überrascht ihn kaum. Er ist Realist. Aber das Eifersuchtsdrama, in das er hineingerät, verblüfft ihn doch gehörig ...

Mit unterkühlter Ironie schafft Martenstein die Balance zwischen Trauer, Melancholie und Komik. 'Heimweg' ist ein großartiger Roman über die Geister der Vergangenheit und die falschen Versprechungen der Zukunft.

Harald Martenstein, 1953 geboren in Mainz, ist Autor zahlreicher Sachbücher und Romane, unter anderem 'Ansichten eines Hausschweins', 'Nettsein ist auch keine Lösung' und 'Heimweg'. Seine Kolumnen im ZEIT Magazin, in der WELT am Sonntag, im NDR und auf Radio Eins haben Kultstatus. Er wurde unter anderem mit dem Henri-Nannen-Preis, dem Egon-Erwin-Kisch-Preis, dem Theodor-Wolff-Preis und zuletzt 2024 mit dem Medienpreis für Sprachkritik ausgezeichnet und unterrichtet an Journalistenschulen. Martenstein lebt in Berlin und in der Uckermark.

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Die Heimkehr meines Großvaters aus dem Krieg stand unter keinem guten Stern. Als seine Gruppe am Bahnhof ankam, zwanzig dünne Männer in grauen Wattejacken, spielte eine Kapelle Walzermelodien und Luftballons hingen an einem Reklameschild für Pepsi Cola. Die Wattejacken waren ein Abschiedsgeschenk der Sowjetunion, an ihre langjährigen deutschen Gäste. Der stellvertretende Bürgermeister hielt eine Rede und drückte jedem Spätheimkehrer die Hand, sofern eine solche noch vorhanden war. Die Zeitung würde ein Foto mit Bildtext bringen.

Die jüngeren Kinder, gezeugt während der letzten Heimaturlaube, hatten Angst vor den verdreckten Gestalten, die aus dem Zug kletterten, und versuchten, sich hinter ihren Müttern zu verstecken. Die Heimkehrer hatten ihre Stadt im Kopf, wie sie früher aussah. Sie sah jetzt aber völlig anders aus. Ihre Frauen waren älter als auf dem Foto in der Brieftasche, Gott allein wusste, was sie erlebt hatten. Mein Großvater trug einen unter widrigsten Umständen selbstgebauten Koffer, auf den er stolz war, aus Birkenholz, grau gestrichen, mit einem Griff aus original russischem Lagermaschendraht. Von seiner Russlandreise hatte er außerdem zwei steife Finger, einen Lungendurchschuss und eine nicht genau zu bestimmende Zahl von Lungenstecksplittern mitgebracht, das heißt, er war geradezu in Topform, verglichen mit einigen anderen armen Teufeln in seinem Eisenbahnwaggon. Er hatte nicht erwartet, dass jemand ihn abholt.

Vom Bahnhof lief er langsam nach Hause, schnupperte die feuchte Luft, die an manchen Tagen vom Fluss in die Stadt suppt, Rheinluft, die einen automatisch durstig macht. Erfreut stellte er fest, dass die restliche Neustadt weniger schlimm aussah als die Gegend direkt am Bahnhof. In einem Laden kaufte er von seinem Willkommensgeld Zigaretten, Schokolade, eine Flasche Bier und einen Blumenstrauß. Er klingelte an der Tür, zwei Mal, die Tür ging auf und er sah in das Gesicht eines unbekannten Mannes, der einen Schnurrbart trug und schwarze Haare hatte.

Mit so etwas war zu rechnen gewesen. Von seiner Grundhaltung her war mein Großvater Realist, vor allem, was die Liebe betraf. Er hatte sich schon im Zug die Worte zurechtgelegt, die er sagen würde. Deutliche, aber besonnene Worte. Falls der Mann Deutsch verstand. Andernfalls würde es schwierig werden.

Als er den Mund aufmachte, bemerkte er kleine Blutstropfen im Gesicht des fremden Mannes. Das Gesicht war blutgesprenkelt, als ob neben dem Mann jemand auf eine Mine getreten wäre, jemand, den es in kleine Stücke gerissen hat. Solche Gesichter hatte mein Großvater schon das eine oder andere Mal gesehen, in Russland. Der Mann schwankte, er hielt eine Pistole in der Hand. Hinter ihm lag meine Großmutter auf dem Teppich im Flur, sie schrie und fluchte gurgelnd und hielt sich den Hals, aus dem in regelmäßigen Abständen eine dünne rote Fontäne herausschoss. Der unbekannte Mann schrie ebenfalls, allerdings auf Französisch. Mein Großvater sagte gar nichts.

Mein Großvater hieß Joseph. Er war vor dem Krieg Bahnarbeiter gewesen, ein blondes, gut aussehendes Muskelpaket, einige Jahre jünger als meine Großmutter. Sie hieß Katharina, war Schönheitstänzerin und bildete unter dem Künstlernamen Salomé de los Rios mit ihrer Schwester ein Duett, das im Reich ein gewisses Aufsehen erregte, weil es hart am Rande der